Der Bauhaus-Stuhl als Fata Morgana

Oliver Proske
Nico and the Navigators

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Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden aufgefordert, misstrauisch zu bleiben. Sie sollten den modernen Brillen nicht trauen, die man ihnen auf die Köpfe gesetzt hat, den Bildern nicht, die ihnen diese Brillen zeigen: den Bällen nicht, die durch den Raum kugeln, den Stühlen nicht, die in einer Reihe warten, und keinesfalls den Worten, die in der Luft stehen und Sätze bilden, wie „Form follows function“. Mit der Brille sind diese Objekte klar zu erleben. Man kann um sie herumgehen, sie schubsen oder in eine andere Ecke schieben. Aber wer die Brille absetzt, merkt, dass er einer Illusion aufgesessen ist, dass es die Stühle, Bälle und Worte in Wirklichkeit gar nicht gibt. Oder eben nur in einer anderen, einer erweiterten, virtuellen Realität.

Mit seiner neuen Performance „Verrat der Bilder“ schickt das Ensemble NICO AND THE NAVIGATORS sein Publikum auf einen Ausflug zwischen die Welten. „Verrat“ nimmt die von Walter Gropius geprägte Formel „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ zum Anlass, um die Grenzen von Utopie und Ironie durchlässig zu machen. Das Stück diskutiert auch den vermeintlichen Fortschritt. Es lässt an der Verlässlichkeit des Sichtbaren zweifeln, fragt nach der Manipulation von Wahrnehmung. In Zeiten von Fake News ist das ein lohnendes Vorhaben.

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Die Inszenierung wird durch die Dessauer Meisterhäuser reisen und das Berliner Georg-Kolbe-Museum sowie die Landesvertretung Sachsen-Anhalts in Brüssel besuchen, drei wichtige Orte der Moderne: Im Doppel-Wohnhaus der Bauhaus-Meister Georg Muche und Oskar Schlemmer wurde einst zur Zukunft des Gestaltens und Darstellens geforscht. Im 1928/29 durch den Schweizer Ernst Rentsch und den Bauhausschüler Paul Linder entworfenen Atelier von Georg Kolbe entstanden zentrale Arbeiten der Bildhauerei. Ganz dem Bauhaus verbunden erschuf Kolbe hier einen idealen Ort, der Leben und Arbeiten, Natur und Kunst, urbane Vernetzung und künstlerische Einhausung unter einen Hut bringt. Diese Verbindungen greift die Performance auf, indem sie Architektur, Schauspiel, Tanz, Skulptur und virtuelle Bilder zu einem vielschichtigen ästhetisch-räumlichen Gesamterlebnis vereint.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer werden aufgefordert, misstrauisch zu bleiben. Sie sollten den modernen Brillen nicht trauen, die man ihnen auf die Köpfe gesetzt hat, den Bildern nicht, die ihnen diese Brillen zeigen: den Bällen nicht, die durch den Raum kugeln, den Stühlen nicht, die in einer Reihe warten, und keinesfalls den Worten, die in der Luft stehen und Sätze bilden, wie „Form follows function“. Mit der Brille sind diese Objekte klar zu erleben. Man kann um sie herumgehen, sie schubsen oder in eine andere Ecke schieben. Aber wer die Brille absetzt, merkt, dass er einer Illusion aufgesessen ist, dass es die Stühle, Bälle und Worte in Wirklichkeit gar nicht gibt. Oder eben nur in einer anderen, einer erweiterten, virtuellen Realität.

Mit seiner neuen Performance „Verrat der Bilder“ schickt das Ensemble NICO AND THE NAVIGATORS sein Publikum auf einen Ausflug zwischen die Welten. „Verrat“ nimmt die von Walter Gropius geprägte Formel „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ zum Anlass, um die Grenzen von Utopie und Ironie durchlässig zu machen. Das Stück diskutiert auch den vermeintlichen Fortschritt. Es lässt an der Verlässlichkeit des Sichtbaren zweifeln, fragt nach der Manipulation von Wahrnehmung. In Zeiten von Fake News ist das ein lohnendes Vorhaben.

Die Inszenierung wird durch die Dessauer Meisterhäuser reisen und das Berliner Georg-Kolbe-Museum sowie die Landesvertretung Sachsen-Anhalts in Brüssel besuchen, drei wichtige Orte der Moderne: Im Doppel-Wohnhaus der Bauhaus-Meister Georg Muche und Oskar Schlemmer wurde einst zur Zukunft des Gestaltens und Darstellens geforscht. Im 1928/29 durch den Schweizer Ernst Rentsch und den Bauhausschüler Paul Linder entworfenen Atelier von Georg Kolbe entstanden zentrale Arbeiten der Bildhauerei. Ganz dem Bauhaus verbunden erschuf Kolbe hier einen idealen Ort, der Leben und Arbeiten, Natur und Kunst, urbane Vernetzung und künstlerische Einhausung unter einen Hut bringt. Diese Verbindungen greift die Performance auf, indem sie Architektur, Schauspiel, Tanz, Skulptur und virtuelle Bilder zu einem vielschichtigen ästhetisch-räumlichen Gesamterlebnis vereint.

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Die Brüsseler Landesvertretung von Sachsen-Anhalt schließlich wurde 1969 vom Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich als DDR-Botschaft gestaltet und verweist formal auf die historische Hochschule für Gestaltung.

Aber bis zu den Aufführungen von „Verrat der Bilder“ im September und Oktober sind es an diesem dampfend heißen Freitagabend im August noch etliche Wochen. Regisseurin Nicola Hümpel und ein paar andere Mitglieder von NICO AND THE NAVIGATORS sitzen in einer Fabriketage eines Kreuzberger Hinterhofs. Sie befinden sich noch mitten im Prozess: Auf einem Biertisch stapeln sich Bücher, Literatur zum Bauhaus, daneben zwei Laptops, man schreibt am Text, wühlt in bislang unveröffentlichtem Material, sammelt Geschichten, stellt Querverbindungen her, setzt die Schnipsel zusammen. Einer von ihnen hat in Tel Aviv zu den Bauhaus-Einflüssen recherchiert. Eine junge Schauspielerin wird bei der Performance Lieder singen, vielleicht von Claire Waldoff. Eine andere wird die typischen, spirituell inspirierten Gymnastikübungen vorturnen. Es kann sein, dass Texte aus einem Ikea-Katalog vorgelesen werden, „Das Billy-Regal von Ikea wäre ja ohne das Bauhaus nicht denkbar“, wirft Nicola Hümpel ein. Sie hat sich gerade nochmal einen Kaffee gemacht. Es herrscht die nervöse Anspannung, wenn die Zeit drängt und viele Enden noch lose in der Luft hängen.

Immerhin funktioniert die Sache mit den Brillen. Die 26 Brillen sind vor drei Wochen von einem Startup aus Florida geliefert worden und sind laut Hümpels Kollegen Oliver Proske das Beste, was die Welt derzeit an Augmented-Reality-Technologie zu bieten hat: „Mehr geht derzeit nicht. Für Europa ist das einzigartig!“.

Seit Ankunft des hyperfortschrittlichen Zubehörs hat Oliver Proske viel Zeit mit Programmieren und Ausprobieren verbracht. Und dass man jetzt mit der Brille vorm Gesicht und einem Joystick in der Hand inzwischen zum Beispiel den berühmten Stahlrohrsessel von Marcel Breuer wie eine Fata Morgana durch die Fabriketage herumschweben lassen kann, sich hier ein virtuelles Möbelstück mit den tatsächlichen Gegebenheiten vermischt, ist das beeindruckende Ergebnis dieser Arbeit. Um Effekthascherei geht es der Berliner Künstlergruppe allerdings nicht. „Wir wollen sowohl die Grenzen dieser Technik erfahrbar machen als auch die Möglichkeiten ausloten“, erklärt Proske. „Das Faszinierende genauso wie die Gefahren“, ergänzt Hümpel. „So wäre das Bauhaus schließlich auch vorgegangen“.

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Was die Inhalte angeht, nimmt sich „Der Verrat der Bilder“ eine Menge vor: Durch die bewusst ausgewählten Orte, die wiederum mit den Lebenswegen großer Künstler verwoben sind, thematisiert „Verrat“ auch die Ambivalenzen der Moderne – von Schlemmers anfänglicher Berühmtheit und späterer Verfemung über Muches innere Emigration und Kolbes zweifelhafter Rolle im Nationalsozialismus bis hin zu Franz Ehrlich, der als KZ-Häftling in Buchenwald die Tor-Inschrift „Jedem das Seine“ entwerfen musste. „Im Bauhaus finden wir sowohl Opfer als auch Täter. Wie geht das zusammen?“, fragt Nicola Hümpel.

Neben den biografischen Verwerfungen, angesichts derer man den Titel des Projekts „Verrat der Bilder“ auch ideologisch verstehen kann, möchte Hümpel mit der Inszenierung aber auch jene ästhetischen Ansätze neu diskutieren, die heute unmittelbar mit dem Bauhaus verknüpft werden. „Die Rezeptionsgeschichte läuft doch sehr einseitig“, findet sie. „Das wird reduziert auf Slogans wie ,Weniger ist mehr‘ und konzentriert sich vornehmlich auf die  Architektur. Dabei gab es so viel darüber hinaus!“ Das Ensemble möchte auch die fast religiösen Tendenzen thematisieren, die das Bauhaus hervorbrachte, die dogmatischen

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Diäten, die Erhöhung des Menschen als Maß aller Dinge und Normen. Und nicht zuletzt soll es um das vom Bauhaus propagierte gleichwertige Verhältnis von Figur, Bewegung, Licht und Klang im Raum gehen, welches Nicola Hümpel als Theatermacherin selbst stark prägt.

Die Gelegenheit, tief einzusteigen in die Geschichte und aus dieser Warte auf unser aktuelles Dasein zu schauen, das will die Performance auf vielen Wegen möglich machen: Zu Beginn jeder Vorstellung werden die Künstler ihrem Publikum eine Gemüsebrühe ausschenken. Auch das natürlich eine Anspielung auf eigenwillige Ernährungsregeln, die teilweise am Bauhaus herrschten. Aber in der Suppe steckt noch ein weiterer Aspekt, der sinnbildlich für das Bauhaus gelesen werden kann: „Eine klare Brühe steht für die hohe Kunst der Reduktion“, erklärt Nicola Hümpel. „Da wurden nicht einfach Zutaten weggelassen. Sondern ganz im Gegenteil: Sie wurden konzentriert.“

Wegen des immensen technischen und logistischen Aufwands wird „Der Verrat der Bilder“ einer relativ kleinen Zuschauerzahl in mehreren Vorstellungen pro Tag gezeigt werden.

Vorstellungsblöcke:

Meisterhäuser Bauhaus Dessau

12. – 15. September 2019
19. – 21. September 2019
bauhaus-dessau.de

 

Georg Kolbe Museum Berlin

26. September – 3. Oktober 2019
georg-kolbe-museum.de

 

Brüssel, Belgien

Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt bei der EU
10. Oktober 2019

    [KK 2019]

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