Vielstimmigkeit und Reflexionen einer dezentralen Moderne

News aus dem Programm | Februar 2019

Courtesy of Microscope Gallery and Kurt Schwerdtfeger Estate © 2016
Reflecting Color-Light-Play, 1922 , light performance, apparatus reconstructed 2016

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Als die Direktorin des Berliner Bauhaus Archivs, Annemarie Jaeggi, am 16. Januar 2019 ihre einleitenden Worte zum Auftakt des Eröffnungsfestivals von 100 jahre bauhaus sprach, erinnerte sie an die anfänglichen Grundsätze für das Jubiläumsjahr, die schon 2012 festgeschrieben wurden: strikte Dezentralität, ein partizipatives Programm, und das deutschlandweit und über die Grenzen Europas hinaus. Die Notwendigkeit einer Vielstimmigkeit und einer aktiven Streitkultur sei den Verantwortlichen schon damals bewusst gewesen, denn: „Das Bauhaus gab und gibt Anlass zur Diskussion, und das nicht nur über die Stellung des Künstlers in der Welt.“

Zu Beginn dieses Jahres ist der Vorsitz der gemeinschaftlich organisierten Feier zu Beginn des Jahres von Berlin an Thüringen übergeben worden. Damit schließt sich ein Kreis, denn in Weimar begann nicht nur die konzertierte Tätigkeit des 2016 gegründeten Bauhaus Verbundes 2019, sondern hier wurde 1919 auch das Staatliche Bauhaus gegründet. „Mit dem Bauhaus begann 1919 in Weimar eine utopiefreudige Erneuerung von Architektur und Design, die gerade in den Anfangsjahren für viele unterschiedliche, oft auch gegensätzliche Einflüsse offen war“, so Ministerpräsident Bodo Ramelow, seit Januar 2019 Kuratoriumsvorsitzender des Bauhaus Verbundes 2019. „Die Bauhäuslerinnen und -häusler reflektierten mit ihren Entwürfen die sozialen, kulturellen und ökonomischen Probleme ihrer Zeit und legten Orientierungsangebote vor, die damals polarisierten, heute jedoch weltweit anerkannt sind.“

In Weimar war es denn auch, dass das auf den Bau als gemeinschaftliche Anstrengung aller Gewerke ausgerichtete „Staatliche Bauhaus“, so der damalige Name der späteren Hochschule für Gestaltung, sein erstes sichtbares Zeugnis hinterließ: das „Haus Am Horn“. Entworfen nicht etwa von einem Architekten, sondern von dem Maler Georg Muche, wurde es früh zum Sinnbild und Beispiel einer gemeinschaftlich erneuerten Wohn- und Lebenskultur. Anfang Januar 2019 wurde es  von der Stadt Weimar feierlich an die Klassik Stiftung Weimar übergeben. Hellmut Seemann, Präsident der Klassik Stiftung, dankte anlässlich der Schlüsselübergabe der Stadt für diesen Schritt: „Das Haus Am Horn ist von unschätzbarer Bedeutung für die Vermittlung der Weimarer Bauhaus-Zeit. Die Stadt macht uns damit gleich zu Beginn des Bauhaus-Jahres ein großes Geschenk.“ Vom 15. bis zum 20. Januar war in den Räumen des Hauses eine kurze Sonderausstellung zu den restauratorischen Maßnahmen zu sehen. Am 18. Mai 2019, dem Geburtstag von Walter Gropius, eröffnet hier eine Dauerausstellung zur Entstehungsgeschichte und dem gestalterischen Ansatz dieses einzigartigen Musterhauses.

Von der Geburtsstätte des Bauhauses über die gesamte Welt bis hin zum Ort seiner freiwilligen Auflösung spannt sich die Gesamtschau des Projektes bauhaus imaginista, die ab März im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen sein wird. Das in einer Zusammenarbeit zwischen der Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar, dem Goethe-Institut und dem Haus der Kulturen der Welt (HKW) realisierte Projekt erzählt die internationale Geschichte des Bauhauses in vier Kapiteln. Noch nie wurden bisher die globalen Auswirkungen und lokalen Rückbezüge in diesem Umfang gezeigt. Nach Ausstellungen, Symposien und Workshops 2018 in Hangzhou, Kyoto und Tokyo, Saõ Paulo, Lagos, Delhi, New York sowie Moskau, zeigt das HKW alle vier Kapitel des Ausstellungs- und Forschungsprojekts. Auf 2000m², mit historischen Objekten und neuen Auftragsarbeiten von Kader Attia, Luca Frei, Wendelien van Oldenborgh, The Otolith Group, Alice Creischer, Doreen Mende, Paulo Tavares und Zvi Efrat entfaltet sich im HKW eine Gesamtschau von bauhaus imaginista.

Mit Hochdruck arbeitet das Team von bauhaus imaginista an zwei Konferenzen, die die Kontexte der Gesamtausstellung vertiefen. Am 16. März 2019 wird die politische Bedeutung des Bauhauses und sein gesellschaftspolitischer Auftrag thematisiert. Eine zweitägige Konferenz im Mai beleuchtet die Bedeutung des Bauhauses für die Entwicklung experimenteller pädagogischer Praktiken und ihrer internationaler Resonanz aus historischer wie zeitgenössischer Perspektive. Das vierte und letzte Ausstellungskapitel „Still Undead“, das in Berlin zum ersten Mal gezeigt werden wird, beschäftigt sich mit den immateriellen, performativen und temporären Arbeiten des Bauhauses. Von zentraler Bedeutung hierfür ist das Reflektorische Farblichtspiel – ein Lichtapparat des Bauhaus-Studenten Kurt Schwerdtfeger –,  das 1922 in Kandinskys Wohnung uraufgeführt wurde. Die Fassung, die im HKW gezeigt werden wird – ein neu gebauter Apparat (Projektor) und eine visuelle Partitur –, basiert auf einer Vorführung aus dem Jahr 1968 sowie weiteren verfügbaren Originaldokumentationen. Paula Schwerdtfeger, Ur-Enkelin von Kurt Schwerdtfeger wird bei der Präsentation im HKW am 14. März 2019 anwesend sein.

    [NF 2019]

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