Welt wird Stadt

Urbane Strategien im 21. Jahrhundert

ELEMENTAL
Das Villa Verde Housing Project war Teil einer Wiederaufbaukampagne der Stadt Constitución durch Elemental nach Zerstörungen durch Erdbeben und Tsunamis im Jahr 2010

Absatz 1 – 2

Der Geist von Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe schwebt über den Wassern Chiles. Wer heute nach Ähnlichkeiten, Traditionslinien oder Wahlverwandtschaften zwischen dem Aufbruch der 1920er-Jahre und der aktuellen Architektur und Städteplanung sucht, muss weit reisen. Nach Chile zum Beispiel. Dort, im europäischsten Land Südamerikas, fielen die Ideen des Bauhauses schon früh auf fruchtbaren Boden. Auch deshalb ist es kein Wunder, dass sich dort mit Alejandro Aravena jemand in die Weltliga der „Starchitects“ hochgearbeitet hat, dem man heute am ehesten das Erbe des Bauhauses zutrauen würde. Der Pritzker-Preisträger von 2016 baut zwar keine Kuben, umlaufende Fensterbänder oder Laubengänge, aber die „halben Häuser“, die ihn berühmt machten, spiegeln etwas viel Wichtigeres wider: die Bereitschaft, Tradiertes über Bord zu werfen, Funktionalität und Gestaltung zu radikal neuen ästhetischen Antworten zu verschmelzen und nicht zu vergessen, dass Architektur und Städtebau auch eine Frage gesellschaftlicher Teilhabe sind.

Elemental
Das Villa Verde Housing Project war Teil einer Wiederaufbaukampagne der Stadt Constitución durch Elemental nach Zerstörungen durch Erdbeben und Tsunamis im Jahr 2010.

Absatz 3

Aravena gilt als der „Robin Hood unter den Architekten“ (Süddeutsche Zeitung). Als er 2003 mit geringen Zuschüssen eine Siedlung für sozial Benachteiligte bauen sollte, wollte er sich nicht damit abfinden, mit dem vorhandenen Budget entsprechend kostengünstige Unterkünfte aus dem Boden zu stampfen. Sein Ansatz: Wenn ich nur die Hälfte des Geldes für den Bau eines guten Hauses habe, warum baue ich dann nicht ein halbes, aber gutes Haus? Aus dieser Idee entwickelte sich ein umwerfendes Konzept. Die Menschen zogen in das halbe Haus, und wenn sie ausreichend Geld gespart hatten, waren sie in der Lage, den Rest weiter- und auszubauen und so nach und nach zu einem guten ganzen Haus zu kommen. Mittlerweile haben Aravena und sein „Do-Tank“ der Projektreihe Elemental zahlreiche solcher Häuser gebaut. Am bekanntesten wurde der Wiederaufbau der südchilenischen Stadt Constitutión, die durch das große Erdbeben von 2010 und den anschließenden Tsunami zerstört worden war. Elemental baute ganze Siedlungen aus halben Häusern. Auch die anderen Projekte Alejandro Aravenas überraschen immer wieder durch radikale Lösungen. Beim Bau eines Innovationszent- rums in Santiago kehrte er die verglaste Vorhangfassade nach innen, um so das Aufheizen des Gebäudes zu verhindern. „Es gibt nichts Schlimmeres, als die falschen Fragen zu beantworten. Wir müssen die richtigen Fragen finden.“ Diese Sätze finden sich in beinahe jedem Interview, das der 50-jährige Chilene irgendwo in der Welt gibt. Und weil er nicht nur ästhetische, sondern auch soziale und ökologische Fragen stellt, sehen seine Antworten ganz anders aus, als es im heutigen Städtebau üblich geworden ist.

Hans Georg Esch / GMP Architekten
In Lingang New City sollen einmal 450.000 Menschen wohnen, doch pulsierend ist hier bislang nur der nahe Tiefseehafen.

Lösungen für das urbane Jahrtausend

Die Welt ist Stadt, so muss man mittlerweile sagen. Über 50 Prozent der Menschen leben bereits in urbanen Räumen, bis 2050 werden es nach Berechnungen der UN zwei Drittel und damit rund 6,3 Milliarden sein. Der Prozess der Verstädterung ist globalisiert und dringt in immer neue Sphären vor. Von den schwimmenden Slums in Lagos bis zu den leuchtenden Wolkenkratzern Shanghais haben sich innerhalb weniger Jahrzehnte Agglomerationsmodelle entwickelt, die weder mit der europäischen noch mit der nordamerikanischen Moderne zu vergleichen sind.

Der politische Druck auf die sich gerade erst entwickelnden Volkswirtschaften, eine wachsende Bevölkerung, die vom Land in die Städte drängt, halbwegs menschengerecht unterzubringen, erscheint riesig – zum Beispiel in Indien, derzeit ein Hotspot der Urbanisierung. Rund zwei Drittel der knapp 1,3 Milliarden Inder leben heute noch auf dem Land. Doch in jeder Minute wandern bereits 25 bis 30 Menschen von dort in die Stadt. Bis zum Jahr 2050, so offizielle Schätzungen, wird sich die Stadtbevölkerung ungefähr verdoppelt haben, auf dann 800 Millionen. Das heißt, Indien muss in dieser Zeit Städte für etwa 400 Millionen Menschen bauen. Das entspricht der Bevölkerung der USA und Kanadas zusammen. Schon heute würde niemand behaupten, Indiens Städte seien mit einer perfekten Infrastruktur gesegnet. Wie soll das in 30 Jahren aussehen?

Die indische Regierung hat sich vorgenommen, den Urbanisierungsprozess aktiv zu gestalten: 100 sogenannte Smart Cities sollen in den nächsten Jahren entstehen. Dies werden nur Projekte auf begrenztem Raum sein, gedacht als Leuchttürme, die ihre Umgebung beeinflussen und inspirieren. Sie sollen zeigen, wie Städtebau im 21. Jahrhundert aussehen kann: als ein unternehmerisch geführtes Projekt, das privates Kapital beschafft, privat-öffentliche Partnerschaften managt, replizierbare Stadtmodelle entwirft und digitale Technologien einsetzt, um ressourceneffizient und nachhaltig zu sein.

Clash der Kulturen

In nur zwei Jahren Planungszeit hat es Indien geschafft, die meisten Standorte für dieses Projekt zu identifizieren. Doch mittlerweile hat sich eine Welle der Kritik in Bewegung gesetzt. Im Kern geht es um die Frage, inwiefern die indische Urbanisierung den Bedürfnissen der Menschen dient. Wie soll die städtische Zukunft des Subkontinents wirklich aussehen? „Unsere Städte entsprechen zum großen Teil nicht denen im Westen“, so der bekannte indische Architekt Rajeev Kathpalia. Es seien eher Ansammlungen von Dörfern, in denen noch Landwirtschaft stattfindet und Vieh gezüchtet wird. „Ich denke“, so Kathpalia, „wir müssen unsere eigene Mischung finden und eine Definition ableiten, die uns entspricht.“

Jun Michael Park / Laif
Überblick über den Central Park von Songdo

Clash der Kulturen

Der britische Smart-City-Kritiker Adam Greenfield warnt davor, dass die historisch gewachsenen Strukturen Indiens durch diese Pläne zerstört werden sollen. „Was in den Präsentationen und Darstellungen der Regierung als Höhepunkt der modernen Stadtgestaltung erscheinen mag, ist kaum mehr als ein Vorwand, um arme Bauern und Fischer vom Land zu entwurzeln und ihre Dörfer durch geschlossene Enklaven und Golf- plätze zu ersetzen, die der Elite dienen sollen“, so Greenfield. Eine Sorge, die nicht unberechtigt erscheint, denn die Blaupause für das Modell der indischen Smart Cities ist die südkoreanische Satellitenstadt Songdo. Hier wurde Anfang des Jahrtausends erstmals in großem Maßstab ein international vermarktbarer Prototyp der Smart City gebaut. Die Begeisterung hält sich in Grenzen. Songdo City gilt bis heute als steril, seelenlos und „Ghetto für die Reichen“ (Le Monde).
Was Indien noch bevorsteht, hat China bereits weitgehend hinter sich. Seit der ökonomischen Öffnung Ende der 1970er-Jahre hat das Land einen Urbanisierungsprozess bewältigt, der in der Geschichte ohne Vergleich ist. Dabei besteht auch an spektakulärer Architektur kein Mangel. Doch Urbanität? Nicht wenige neue urbane Zentren Chinas sind komplett am Reißbrett entstanden. Auch deutsche Star-Architekten waren daran beteiligt. Lingang New City nahe Shanghai, ein gewaltiger Masterplan von Gerkan, Marg und Partner (gmp), wirkt zunächst wie eine Kopie von Ebenezer Howards klassischer Gartenstadt von 1902 – bis man sich die Dimensionen klarmacht: 450.000 Menschen sollen hier einmal wohnen. Knapp 200.000 sind es bereits, doch pulsierend ist hier bislang nur der nahe Tiefseehafen, berichten Besucher der Satellitenstadt, für deren charakteristischen See im Zentrum die Hamburger Binnenalster Pate gestanden haben soll.

Mit europäischen Maßstäben ist kaum zu messen, was in den letzten Jahrzehnten in China entstanden ist. Dabei liegt der Vergleich mit dem frühen 20. Jahrhundert nahe. Das Bauhaus, das Neue Bauen und die großen Anstrengungen im Siedlungsbau waren ja nicht zuletzt eine Reaktion auf das rasante Wachstum der großen Städte. Gibt es dazu in China Parallelen und Bezugnahmen auf die europäische Moderne? China „ist das Turbo-Gegen-Bauhaus, wo jeder lauter schreien will als der andere, ein orientierungsloser Stadtbrei, in dem du verloren bist, ein Grundrauschen bis zum Horizont“, berichtet Johannes Dell, Partner bei Albert Speer & Partner, über seine Erfahrungen mit dem Reich der Mitte. Der Versuch von AS&P, Anfang des Jahrtausends mit der „Germantown“ Anting so etwas wie deutsche Urbanität in China zu realisieren, endete mit einer seltsamen, an ostdeutschen Siedlungsbau erinnernden Simulation, die erst nach vielen Jahren von den Chinesen allmählich angenommen wird.

Kein Bauhaus weit und breit

„Natürlich wird heute auch der Bauhausstil an den chinesischen Universitäten unterrichtet“, weiß Austin Williams. Der britische Autor und Dozent beschäftigt sich seit Jahren mit China und hat soeben ein Buch über die dortigen Eco- Cities veröffentlicht („China’s Urban Revolution: Understanding Chinese Eco-Cities“). „In der Praxis gibt es hier und da ästhetische Anleihen“, so der China-Experte, „aber das große sozialistische Bauhaus-Denken spielt in der Praxis keine Rolle.“ Eine Einschätzung, die auch von einheimischen Architekten geteilt wird. „Die endlose Produktion von Gebäuden ist ohne soziale Verantwortung passiert“, erklärt James Shen, einer der Gründer des People’s Architecture Office in Peking. Sein Büro sorgte für Aufmerksamkeit, als es Häuser in historischen Vierteln durch moderne „Plug-ins“ erweiterte und damit auf einen guten Wohnstandard hob.

Die Abwesenheit eines sozialen Anspruchs erstaunt, würde man doch gerade im offiziell sozialistisch regierten China einen solchen vermuten. Doch Chinas Städte sind wohl einfach zu groß für Kommunismus. Das Land, so die UN, hat den Sprung von den Megacitys zu den Megaregionen bereits vollzogen. Das Perlflussdelta mit Multimillionenstädten wie Hongkong, Shenzhen oder Guangzhou umfasst ein zusammenhängendes urbanes Gebiet mit 100 Millionen Einwohnern. Rund um Peking plant die chinesische Regierung Jing-Jin-Ji, eine Supermetropole mit 130 Millionen Einwohnern. Die Subzentren müssen über Hoch- geschwindigkeits-Bahnlinien verbunden werden, um sich zu vernetzen. Kann hier noch Urbanität gelingen? Und was ist das überhaupt?

Die Formel für die Stadt von morgen

Die Frage nach der zukunftsfähigen Stadt bewegt Menschen rund um die Welt. Denn hier wird entschieden, wie wirtschaftliche Entwicklung aussieht, wie Nachhaltigkeit funktioniert oder ob die Staatengemeinschaft in der Lage ist, ihre Klimaziele zu erreichen. Das elfte der 17 SDGs, der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, lautet: „Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig gestalten“. Doch für fast alle dieser global verabschiedeten Ziele gilt: Über Erfolg und Misserfolg wird in den Städten entschieden. Die Fragen der Stadtentwicklung, der Stadtplanung, des Bauens und der Urbanität haben ein enormes Gewicht bekommen.

Auf der Suche nach universellen Formeln für die ideale Stadt, für gutes Wohnen und angenehmes Leben begegnet man interessanten Antworten. „Ich denke, Energie ist das Wichtigste“, sagt zum Beispiel Balkrishna Vithaldas Doshi. Der Grandseigneur der indischen Architektur, der früh mit Le Corbusier zusammenarbeitete und später historische indische Gestaltungsprinzipien in seine Arbeiten einfließen ließ, meint damit jedoch nicht den Strom aus der Steckdose: „Die Frage ist: Wird diese Stadt das Leben antreiben? Hat diese Stadt die Vitalität, damit Menschen ihre Zeit am effektivsten nutzen und das Leben verwirklichen können, das sie haben wollen?“

Garden Cities of Tomorrow, 1902
Howards Garden-City-Konzept sah eine Kernstadt mit ringförmigen Wohnstädte vor.

Absatz

Vitalität, Energie, auch Vielfalt und Gestaltung in menschlicher Größe werden gerne als Elemente einer gelungenen Stadtentwicklung genannt. Wer in der gegenwärtigen Diskussion nach den tatsächlich vorhandenen Vorbildern sucht, stößt unweigerlich auf Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt hat in der Tat so gut wie alles, was sich Stadtplaner erträumen. Wer sich im Sommer auf den Wiesen am Hafenkanal niederlässt, erlebt eine junge, vielsprachige und sonnenhungrige Stadt. Fahrradbrücken überqueren den zentralen Wasserweg, von gewundenen Stegen springen Jugendliche ins Wasser, und ein gelungener Mix aus alter und neuer Architektur säumt dieses urbane Paradies aus eben dieser Vitalität, Energie, Vielfalt und gelungenen Gestaltung. Kopenhagen ist das nicht in den Schoß gefallen. Über Jahrzehnte hat die Stadt für diesen Weg gearbeitet, der heute weltweit bewundert wird – einen Weg, der auch mit dem Namen Jan Gehl verbunden ist. Gehls Bücher wie „Städte für Menschen“ oder „How to Study Public Life“ nehmen Logenplätze in den Regalen der meisten jungen Architekten, Städteplaner und Urbanisten ein. Kaum jemand sonst hat die Beziehung zwischen Mensch, Raum, Stadt und Gebäude so intensiv studiert wie der dänische Architekt. „Erst das Leben, dann der Raum, dann das Gebäude“, so sein Motto. Oder: „Frag nicht, was die Stadt für dein Gebäude tun kann, frag immer, was das Gebäude für die Stadt tun kann.“ Gehls Philosophie, die keineswegs nur aus wohlfeilen Kalendersprüchen besteht, ist der Antipode zu den Städten vom Reißbrett, die nicht zuletzt mit der Nachkriegsmoderne verknüpft sind, mit jener Zeit also, als sich der Wohnungsbau aus den tradierten Formen verabschiedete und jene Satelliten produzierte, die man wenige Jahrzehnte später nur noch als soziale Brennpunkte kannte.

Gute Traditionen aus Deutschland

„Wenn ich heute mit meinen Studenten an zukunftsweisenden Siedlungsprojekten arbeite, nehmen wir uns die 1920er- und 1930er-Jahre zum Vorbild“, sagt Steffen de Rudder. Der Städtebauprofessor von der Bauhaus-Universität Weimar lobt den deutschen Siedlungsbau jener Zeit. „Die großen Helden sind Ernst May und Bruno Taut“, so de Rudder. Was Ernst May als Siedlungsdezernent in Frankfurt unter schwierigen Bedingungen auf den Weg gebracht habe, sei beeindruckend. Und Tauts berühmte Hufeisensiedlung in Berlin sei nicht nur ein ästhetisches Ausrufezeichen: „Da würde man doch auch heute noch gerne wohnen.“

„Erst das Leben, dann der
Raum, dann das Gebäude.“

Thorsten Meise

Absatz

Bruno Taut und Ernst May gehörten zwar nicht zum Bauhaus, aber zum legendären „Ring“, einem Zusammenschluss von Architekten in der Weimarer Republik. Auch Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe zählten dazu sowie ein Großteil jener Namen, die heute mit dem Begriff des Neuen Bauens verbunden werden. Tat- sächlich hat der Aufbruch der Moderne in Städten wie Berlin, Frankfurt oder Hamburg Spuren hinterlassen, die bis heute das europäische Verständnis gelungener Urbanität prägen. „Das war die heroische Moderne, das sieht toll aus, an den Siedlungen gibt es große Inschriften, auf denen steht, wer das gebaut hat, so stolz waren die damals“, so de Rudder. Und heute? „Was jetzt überall gebaut wird, da will man doch nicht wohnen, oder?“ so der Professor. Die Einfältigkeit und Langeweile, die bei großen innerstädtischen Bauvorhaben sichtbar werden, sind frappierend. Sie sind teilweise das Ergebnis eines „Masterplans“, der entscheidende Qualitäten vermissen lässt, etwa in Hamburg, wo das Projekt Altona-Mitte nur Mittelmaß hervor- bringt. Oder sie ist das Resultat einer visionslosen Bauwut, derzeit gut in Berlin zu beobachten, etwa entlang der East Side Gallery, des längsten verbliebenen Stücks der Berliner Mauer. Eine Ursache der deutschen Tristesse sind aber auch überkommene Vorschriften, die immer noch die funktionale Trennung von Wohnen und Arbeiten fortschreiben. „Das war in der Industriegesellschaft mit ihren Emissionen sinnvoll, aber heute nicht mehr“, so de Rudder. Mit den neuen „urbanen Gebieten“ hat der Gesetzgeber hier einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Denn das Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe, Hinterhöfen und sozialen Nischen produziert nicht selten jene Energie, die vitale Orte benötigen. Zumindest in Europa.

Die Kraft der Gestaltung

Architektur und Stadtplanung, das haben die letzten 100 Jahre bewiesen, können das Leben von Menschen verändern – zum Schlechten, aber auch zum Guten. Welche Antworten würden Gropius, Meyer oder Mies, aber auch Taut oder May heute geben, wenn sie für das 21.Jahrhundert bauen müssten? Wie würden sie mit dem Problem der Gentrifizierung durch sündhaft teure Eigentumswohnungen umgehen? Was würden sie zu Resilienz und Nachhaltigkeit sagen? Wie würden sie neue Technologien einsetzen, um bezahlbares Wohnen zu ermöglichen? Wie würden sie verdichten, ohne soziale Brennpunkte zu schaffen?

Nina Vidic, Elemental
Detail der Außenfassade von Aravenas UC Innovation Center (2014) auf dem San Joaquín Campus der Universidad Católica de Chile.

Dr. Thorsten Meise (Hamburg) ist Autor und Journalist. Er ist Chefredakteur des vielfach ausgezeichneten Kundenmagazins „concepts by Hochtief“.

Kraft der Getaltung

Fragen an die großen Gestalter des frühen 20. Jahrhunderts gäbe es genug. Auch die, wie eine gerechtere Stadt aussehen könnte. Welche Konzepte hätten sie für die Förderung der Integration und gegen die soziale Spaltung der Stadt? Denn egal, ob im reichen Europa oder in den wuchernden Agglomerationen Asiens und Afrikas: Die „soziale Frage“ stellt sich in unter- schiedlicher Form überall. Dass die Gestaltung von Gebäuden und Städten hierfür einen Beitrag leisten kann, ist eine Erkenntnis, die fest zum Erbe der frühen Moderne gehört. Auch für Alejandro Aravena, der seiner Architektur abverlangt, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. „Ästhetik ist der Klebstoff, der die Dinge zusammenhält“, so sein Fazit.

Gute Gestaltung als Antwort auf richtige Fragen. „Die“ globale Formel für gelingende Urbanität wird es nicht geben, aber die großen Architekten und Städteplaner der frühen Moderne haben bewiesen, wie man das Neue annehmen und daraus eine eigene Sprache entwickeln kann. Vielleicht wäre es an der Zeit, an diesem Punkt wieder häufiger anzuknüpfen. Nicht nur mit halben Häusern. •

Zum Seitenanfang