„Wir müssen unsere Erwartungen an die Kunst abrüsten.“

Interview mit Philipp Oswalt

Nicolas Wefers
Philipp Oswalt

Herr Oswalt, sind das Bauhaus und die documenta tatsächlich Wahlverwandte, oder trennt sie doch zu viel?

Das Bauhaus steht als Kulturprojekt der Weimarer Zeit für ein demokratisches, liberales, progressives, sozial engagiertes Deutschland und war dabei international wirksam. Und die documenta steht für dasselbe nach 1945 in der BRD. In beiden Projekten eingeschrieben ist die Hoffnung und Erwartung, dass mit Kunst und Gestaltung positiv in die Gesellschaft hineingewirkt werden kann. Das ist das Versprechen dieser beiden Marken. Auch wenn sich das über die Jahre hinweg verschoben hat. Damit sind wir dann auch schon bei den Unterschieden. Wir sprechen natürlich auf institutioneller Ebene von einer Hochschule für Gestaltung und einer Serie von Großausstellungen. Das Bauhaus fokussiert sich außerdem fast ausschließlich auf angewandte Gestaltung, die documenta auf freie Kunst. Insofern sind beide fast komplementär.

Wenn beide die Vision in sich tragen, Gesellschaft zum Guten verändern zu wollen, sind dann nicht beide auf ihre Art gescheitert, wenn auch auf hohem Niveau?

Das ist schwierig zu beantworten und mit der Ausstellung „bauhaus/ documenta. vision und marke.“ enthalten wir uns bewusst einem Urteil. An was misst man denn Scheitern und Erfolg? Was ist der Maßstab? Sie sehen ja an der Markenbildung, dass beide gesellschaftlich wirksam sind. Bauhaus und documenta sind bekannt. Es gibt viele Kreative und Kulturinteressierte, die sich darauf beziehen. Wir sehen ja auch gerade mit dem Bauhausjubiläum, dass es eine gewisse Breitenwirkung erzielt. Und das ist erstmal in dieser Markenbildung, die ich auch durchaus kritisch sehe, etwas Positives. Es wurde ein Wertekanon etabliert, auf den sich Menschen positiv beziehen. Fast wie eine Gruppenbildung. Die Schwierigkeit gerade fürs Bauhaus liegt sicher darin, ob dieses Versprechen auch eingelöst wird. Bei vieler Kritik, die ich habe, würde ich aber auch immer sagen, dass das Positive am Bauhausjubiläum ist, dass wir als Deutsche endlich ein anderes kulturelles Erbe feiern, als Preußen oder Luther und dass wir über dieses Erbe einen gesellschaftlichen Diskurs führen.

Wie stehen Sie denn generell zu der Idee von Kunst und Gestaltung als Motor einer politischen und gesellschaftlichen Veränderung?

Wenn wir an das letzte Buch von Moholy-Nagy denken, das posthum erschienen ist, dann endet es mit der Vision eines globalen Thinktanks progressiver Wissenschaftler und Künstler. Sie beraten eine Weltregierung und weisen ihr den Weg. Das ist ja eigentlich die Idee dieser Avantgarde der 1920er Jahre: der Künstleringenieur, der weiß, wo es lang geht. Ich glaube, wir haben durch die Wirren und Irrungen, die wir im 20. Jahrhundert durchgemacht haben, verstanden, dass das nicht erstrebenswert ist. Wir wollen nicht eine Regierung der Wissenseliten, des Expertentums. Ich glaube, da haben wir heute ein anderes Verständnis. Der Gestalter ist Teil eines gesellschaftlichen Prozesses, zu dem vieles andere dazugehört. Diese Heroisierung der Gestalter und Künstler ist problematisch. Auch wenn sie von ihnen selbst angenommen und gefördert wird, weil sie natürlich zur Selbstaufwertung dient.

Viele junge Kreative erleben die Gegenwart als latente Überforderung aus Produktionsbedingungen und Auseinandersetzung mit nachhaltigem Material, Klimakrise, gesellschaftliche Verantwortung, soziale Ungerechtigkeit. Beschäftigt das die documenta?

Seit ihrer zehnten Ausgabe setzt sich die documenta intensiv mit Gesellschaft auseinander und hat sich vielfach auch mit Themen einer kritischen moderne Reflektion des Kolonialismus und des Eurozentrismus beschäftigt. Ich denke, auch in relativ produktiver Weise. Als kritischer Reflektionsraum versteht sich die documenta nach wie vor. Die nächste Ausstellung werden diesen Weg weiter beschreiten. Das ist auch produktiv und sinnvoll. Es wird dann problematisch, wenn wir von Künstlern Lösungen erwarten. Das ist meinem Verständnis von Kunst sehr fremd. Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, schwierigen Themen an die Kunst zu delegieren. Ich kann mich auch an Politikerreden im Bauhaus-Kontext erinnern, die solche Erwartungen formuliert haben. Konkret zum Beispiel Herr de Maizière, der bei der Ausstellungseröffnung 2009 ein neues Bauhaus wünschte, zur Lösung der politischen Fragen die damals anstanden. Da denke ich immer: Politiker, ihr müsst schon selbst eure Hausaufgaben machen! Weder Künstler noch Gestalter werden politische Fragen lösen können. Die Gesellschaft muss mit den Instrumenten, die ihr zur Verfügung stehen, diese Fragen in Angriff nehmen. Wir müssen abrüsten mit unseren Erwartungen an die Kunst.

Sprechen wir denn tatsächlich von der ganzen Gesellschaft?

Natürlich gibt es bei der documenta und auch beim Bauhaus das Problem des Elitären. Auch wenn der Erfolg der Marken zeigt, dass sie viele Menschen adressieren und erreichen, sind es doch immer die besser gebildeten und verdienenden Menschen, die die documenta besuchen oder das Bauhaus konsumieren. Vor dem Hintergrund der wachsenden sozialen Ungleichheit thematisieren das zwar beide Marken, aber sie koproduzieren eben auch diesen Zustand. Es sind elitäre Diskurse, die beide Institutionen führen. Was nicht gegen die Diskurse spricht, aber man sollte das doch kritisch reflektieren. Und nicht immer die Selbstbehauptung der Akteure für bare Münze nehmen.

Vielen Dank, Herr Oswalt!

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