„Wir wollen ein bisschen Chaos stiften“

Thomas Pearce
Filmstill / Jakob K. – Der Neue Mensch

Zur Person

„K.ollektiv“ wurde von den drei Hamburger Tanzschaffenden Heike Bröckerhoff, Moritz Frischkorn und Jonas Woltemate gegründet. Zu ihrem Kollektiv gehören außerdem die Architekt*innen Mara Kanthak und Thomas Pearce.

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Der Phantasie waren keinen Grenze gesetzt: Bereits in der Künstlergemeinschaft „Die Gläserne Kette“, an der sich neben Bruno Taut und Walter Gropius auch andere Architekten des Neuen Bauens beteiligten, wurde 1919/1920 von gewaltigen Stadtumbauten und kristallinleuchtenden „Stadtkronen“ geträumt. Wer das Bauhaus auf Fakten beschräkt, hat das Bauhaus nicht verstanden ­– das gilt auch 100 Jahre später.

Wer zum Teufel ist Jakob K.?

Jakob Klenke oder abgekürzt Jakob K. ist Tanzpädagoge, Künstler und Aktivist. Wir haben uns diese Person ausgedacht. Bislang kursieren zwei fiktive Geburtsdaten von Klenke. Fest steht, dass er Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurde. Als junger Mann hat er eine Weile in Paris als Choreograf gearbeitet, war von 1926 bis 1929 in Dessau am Bauhaus als Assistent von Oskar Schlemmer angestellt, danach hat er an der Hamburger Kunsthochschule unterrichtet. Ansonsten ist er schwer zu fassen, es existieren keine Fotos. Wir wissen nur: Er sah asketisch aus, lebte vegetarisch und war ein großer Outdoor-Fan. Dauernd ist er spazieren gegangen – das hat er „Frischluftieren“ genannt.

Verewigen wollte Klenke sich nicht. Das macht es schwierig für uns. Denn Jakob K. ist gleichzeitig der Name unseres künstlerischen Projekts. Wir rekonstruieren Klenkes Arbeiten sowie seine Bewegungslehre und stellen damit neues Wissen spekulativ her. Die Fiktion ist eine Einladung ans Publikum, gemeinsam zu mutmaßen: Was wäre, wenn es Klenke wirklich gegeben hätte? Das funktioniert super: Als wir neulich im Rahmen des „Hamburger Architektur Sommers“ Klenkes Gymnastikübungen in einer Turnhalle unterrichtet haben, erzählte uns eine Frau, dass Klenke mit Sigmund Freud korrespondiert hat. Diese Information war uns völlig neu.

Warum beschäftigen Sie sich heute mit einer 100 Jahre alten Institution der Kunstgeschichte, dem Bauhaus?

Das Bauhaus ist der zentrale Referenzort für modernes Design der Zwischenkriegsjahre. Wir wollen hier ein bisschen Chaos stiften. Daher rekonstruieren wir Dinge und Tänze, die es im Original nicht gegeben hat. Damit wollen wir die Heterogenität des Bauhauses wiederherstellen.

Das gelingt leider nicht immer. Wir würden gerne die Bauhaus-Frauen stärker ins Licht holen: Ihnen war nur ein beschränktes Aufgabenfeld erlaubt. Wir hatten also die Überlegung, ist Jakob K. vielleicht eine Frau gewesen? Dann wäre er allerdings von Walter Gropius in die Weberei geschickt worden. Um unsere Erfindung wirklich in verschiedene Disziplinen zu schmuggeln, mussten wir die Person zum Mann erklären.

Genauso wollen wir an die esoterische Körperpraxen und Diäten am Bauhaus erinnern: Man hat nackt geturnt, sich den Elementen ausgesetzt, die Bauhäusler in Weimar wurden dazu angehalten, Zwiebeln und Knoblauch zu essen. K. nimmt diese Trends auf und schließt sie mit einer Technikbegeisterung kurz, die er von Oskar Schlemmer abschaut.

Wir wollen aber nicht nur die Geschichtsschreibung über das Bauhaus verändern, sondern auch Kritik an der Gegenwart üben. Zum Beispiel wenn wir K.s bewegliche Apparate ausstellen. Diese Mischung aus Möbel und Fitnessgerät soll zum Nachdenken über den heutigen Umgang mit Technik anregen.

Filmstill / Der Neue Mensch
Anja Beutler
Filmstill / Der Neue Mensch

Sie sagen, Jakob Klenke war Gymnastiklehrer am Bauhaus. Was hat es mit seinem Körpertraining auf sich?

Klenke hat sich intensiv mit Gymnastik auseinandergesetzt. Warum? Damals herrschte das Ideal, dass für den Aufbruch in ein modernes Leben der eigene Körper gestählt werden muss. Yoga, Pilates und Gymnastikübungen, die vor allem aus der Lebensreformbewegung kamen, wurden auch am Bauhaus praktiziert.

Klenkes Fitness-Programm verbindet körperliche Übungen mit Wahrnehmungstraining. Wir haben Tagebuchaufzeichnungen gefunden, die belegen, dass Klenke oft mit farbigem Glas durch den Stadtwald in Dessau gelaufen ist. Er wollte prüfen, wie sich dadurch seine Orientierung in der Natur verändert. Auch diese Experimente waren Teil seiner „Leibes- und Sinnesübungen für den täglichen Gebrauch“.

Während des „Hamburger Architektur Sommers“ wird es die Möglichkeit geben, Klenkes Gymnastik mit 3D-Brillen nachzuturnen. Zum Beispiel das „Dreiblättrige Kleeblatt.“ Diese Übung bringt das Becken in Schwingung und sieht aus wie eine Aerobic-Übung von Jane Fonda.

Außerdem werden wir einen Automaten aufstellen, wo man sich Essen ziehen kann. Das werden farbige Frucht- und Gemüseessenzen sein. Denn Klenke hat strenge Diät gehalten, kein Fleisch gegessen, nicht geraucht und nicht getrunken.

Wir möchten damit den Vergleich ziehen zum Trend zur Selbstoptimierung, der gerade überall präsent ist.

Was ist Ihr Bezug zu Hamburg? Und was hat Jakob Klenke mit dieser Stadt zu tun?

Die meisten von uns im Kollektiv leben und arbeiten in Hamburg. Man kann also sagen: Hamburg ist der Hotspot der Klenke-Forschung. Nach seiner Zeit am Bauhaus in Dessau trieb es auch Jakob Klenke nach Hamburg. Er hatte dort eine Assistentenstelle an der Kunsthochschule am Lerchenfeld angenommen. Und hier in Hamburg hat er auch extensive Spaziergänge unternommen und diese Form der Bewegungspraxis weiterentwickelt.

Die Spaziergänge sind mehr als nur Herumlaufen in der Natur. Sie sind Klenkes Form der Massenchoreografie. Denn das waren immer Gruppenspaziergänge, stets verbunden mit intensiven Gesprächen. Man hat dabei unterschiedliche Themen verhandelt. Da ging es viel um die eigene Wahrnehmung oder um Fragen der Selbstoptimierung.

Das Besondere an diesen Spaziergängen ist aber vor allen Dingen, dass die Konstellation der Gruppe ständig wechselte, je nachdem, wer gerade sprach. Es gibt zum Beispiel eine Formation, wo der Sprechende immer rückwärts läuft – mit dem Gesicht zur Gruppe gewendet und von der Gruppe dirigiert. Wenn dann jemand anderes etwas sagt, muss sich die ganz Gruppe neu organisieren. Man kann diese verschiedenen Formationen beim „Hamburger Architektur Sommer“ mit uns zusammen ausprobieren: Am 09.07.2019 bieten wir einen Gruppenspaziergang im Wacholderpark an.

Performance Jakob K. / Der Neue Mensch
Anja Beutler
Performance Jakob K. / Der Neue Mensch

Jakob K. taucht während des Hamburger Architektur Sommers an verschiedenen Orten in performativen Interventionen auf. Jede Veranstaltung trägt eine andere Farbe. Warum?

Im Bauhaus haben Farben eine große Rolle gespielt. Klenke war vor allem auf einer experimentellen Ebene daran interessiert. Er hat sich gefragt, wie Farben uns dabei helfen, uns in der Umwelt zurecht zu finden. Im Keller der Hamburger Kunsthochschule hat Klenke mit farbigem Nebel experimentiert und hat ein Gerät gebaut, mit dem er graduelle Farbverläufe herstellen konnte. Ich hoffe, dass wir noch Zeichnungen von diesem Apparat finden. Farben sind für Klenke aber auch deshalb interessant, weil sie Emotionen auf einer nicht sprachlichen Ebene hervorrufen können. Klenke wäre ein Fan von Virtual Reality gewesen, da sind wir uns ziemlich sicher.

Um Bezug auf K.s Farbauffassung zu nehmen, haben wir den Veranstaltungen in Hamburg unterschiedliche Farben verpasst. Zusammen ergeben sie eine fragmentarische Rekonstruktion seiner Praxis hier in der Stadt: Die Gymnastikklasse, bei der wir K.s Körperübungen unterrichtet haben, trug zum Beispiel die Farbe Indigo. Ein Filmbeitrag läuft unter der Farbe Orange. Der Gruppenspaziergang am 9. Juli ist grün. Und den Abschluss bildet die Farbe Gold mit einem Kostümfest, das wir ausrichten. Am Bauhaus gab es ja auch fantastische Kostümfeste und Jakob K. hat sehr gern gefeiert. Man wird bei unserem Fest sogar Kostüme ausleihen können. Ist das nicht schön?

Performance Jakob K. / Der Neue Mensch
Anja Beutler
Performance Jakob K. / Der Neue Mensch

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Vielen Dank für das Gespräch!

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