Wohnen mit Ikonen

Landesmuseum Mainz

Kai Pelka
Links: Wilhelm Wagenfeld (1900–1990), gläserne Teetasse, Jenaer Glaswerk Schott & Gen., Jena, 1931, Sammlung Jacobi; rechts: Heinrich Löffelhardt (1901–1979), gläserne Teetasse, Jenaer Glaswerk Schott & Gen., Mainz, 1954

Keine

Leichte Irritation mag sich beim Betreten der Ausstellung „bauhaus – form und reform“ im Landesmuseum Mainz einstellen. Das ist doch nicht das, was wir gemeinhin als Bauhaus kennen? Und tatsächlich, das erste Podest mit Exponaten kommt eher üppig daher. Kunsthandwerk, ja! Aber Bauhaus? Nein, das ist es nicht, aber es ist Kontext. Und genau dieses Spiel mit Erwartungen zeichnet die feine und sehr gelungene Ausstellung der Mainzer aus: Sie erweitert den Blick auf das Bauhaus.

Die 150 Exponate lassen erahnen, was für ein Andersdenken der Werkstattgedanke des Bauhauses freigesetzt hat. Statt vorbei an Vitrinen wandelt man durch ein Feld aus Podesten, kann rundherum bestaunen, das eine oder andere Exponat sogar in die Hand nehmen. Wie die Türdrücker von Walter Gropius: Alltagsdinge, die man immer und immer wieder, ohne nachzudenken im Gebrauch hat. Eine Einladung – einmal innezuhalten und nachzuspüren, was gute Gestaltung so besonders macht: die Materialität, die Funktionalität, die Form.

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Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und setzt die Bauhaus-Idee, Gestaltung von Grund auf neu und ganzheitlich zu denken, in einen weiteren Kontext. Oder, wie Dr. Eva Barchert, Chef-Kuratorin der Ausstellung sagt: „Das Bauhaus ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen, es ist die Institutionalisierung einer Idee.“ Diese Abgrenzung war schon Walter Gropius, dem Begründer des Bauhauses wichtig, der die Bezeichnung „Stil“ als einengendes Korsett empfand. Und das macht den interdisziplinären Ansatz hinter dem Bauhaus greifbarer. 

Bei diesem Zusammenspiel von Handwerk, Kunst und Industrie ergibt dann plötzlich Sinn, was beim Betreten der Ausstellung ins Auge fällt: Die üppig mit Einlegearbeiten verzierte, vierschübige Mainzer Cantourge des Mainzer Kunstschreiners Heinrich Rohne (1683-1755) ist hier genau richtig.

Dieses Möbelstück, eine Auftragsarbeit für den Mainzer Kurfürsten Philipp Carl von Eltz, ist ein Unikat. Und dieses Unikat steht an einem Ende der Einrichtungsmöglichkeiten, während am anderen Ende des Spektrums der Alltagsgegenstand, etwa der Stuhl, durch seine Funktionalität gekennzeichnet war: wenn auch weniger exklusiv, so doch auch Handwerk. Und aus diesem Spektrum bildete sich mit dem Ende des 18. Jahrhunderts eine neue Bewegung heraus. Der reine Pragmatismus wurde bereichert durch das Spiel mit neuen Produktionsformen. Das bekannteste Beispiel hier ist sicher der Bugholzstuhl von Thonet, der bis vor Kurzem der am häufigsten produzierte Stuhl der Welt war. Auch dieser steht in Mainz.

GDKE RLP – Landesmuseum Mainz (U. Rudischer)
Heinrich Ludwig Rohne (1683-1755), Schreibsekretär für Kurfürst Philipp Carl von Eltz, Mainz, 1735/1740

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Die Idee der Serienfertigung bestimmte auch die Bauhausentwürfe. Nach dem Umzug nach Dessau rückte die Entwicklung von Prototypen für die industrielle Fertigung in den Vordergrund. Das sollte breiten Käuferschichten den Zugang zu preisgünstigen, qualitativ hochwertigen Produkten ermöglichen. 

Wie vielfältig das funktionsgebundene Möbel Stuhl bei aller Reduzierung sein kann, zeigen die ausgestellten Exponate, die in großen Teilen aus der Sammlung des Unternehmers Sebastian Jacobi stammen. Raten Sie, womit er seine Sammlung begonnen hat? Mit einem Thonet-Stuhl. Das Landesmuseum Mainz zeigt aber nicht nur direkte Vorläufer und Bauhausentwürfe, sondern auch spätere Designklassiker, wie etwa den Ant-Stuhl von Arne Jacobsen. Diese machen deutlich, wie stark die Bauhaus-Idee über ihre Zeit hinaus wirkte. 

Wer sich für die Möbel des Bauhauses begeistert, dem seien die Sammler-Führungen empfohlen. Zu vier Terminen führt Sebastian Jacobi persönlich und mit viel Begeisterung durch die Ausstellung im Landesmuseum und bringt zusätzliche Exponate mit, denen man dann auch etwas näherkommen kann. Denn wie der Sammler sagt: „Anfassen erwünscht.“

Kai Pelka
Marcel Breuer (1902–1981) Lattenstuhl, schwarz gefasst, mit sechs Sitzgurten, 1922, Sammlung Jacobi

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Nun ist die Begeisterung für Wohnmöbel nicht aus der Mode gekommen. Aber wie steht es denn um die anderen Gegenstände des Alltags, die wir wie nebenbei benutzen und an die wir vielleicht nicht viele Gedanken verlieren? Gefallen sollen sie, ja, aber Geschmack ist subjektiv. Sie sollen qualitativ hochwertig und praktisch sein. So möchten die meisten Menschen nicht fünfzehn verschiedene Tassenformen im Schrank haben, sondern ein beruhigendes Bild der harmonischen Einheitlichkeit. Am besten stapelbar und zeitlos in Material und Form. 

Das ist die Idee der Zweckform. Und dass das, was so nüchtern klingt, seine Wurzeln im künstlerischen Handwerk hat, zeigen die Tassen des Keramikers und Bauhausmeisters Otto Lindig. Seine zeitlosen Tassen aus glasiertem Steinzeug sind aus der simplen Form der Halbkugel abgeleitet und noch heute ein vertrauter Anblick. Von der Reformbewegung des Kunstgewerbes bis zum Wohnen mit Ikonen – so lautet der Untertitel der Ausstellung im Landesmuseum Mainz. Sie zeigt deutlich, wie stark unser Wohnen noch heute von grundlegenden Ideen des Bauhauses beeinflusst ist. 

Hat man als Chefkuratorin ein Lieblings-Exponat und wenn ja, warum gerade dieses? Die Antwort findet Frau Dr. Brachert ohne Zögern: „Die gelbe Resopal-Tasse von Christian Dell ist eines meiner Lieblingsstücke. Das Material hatte ein billiges Image, als es erstmals auf den Markt kam, aber in seiner Funktionalität für die industrielle Fertigung und in den Formen ist das Geschirr eine Verkörperung der Bauhaus-Idee, die Kunst und Technik verknüpft.“ 

Kai Pelka
Vier Teetassen mit Untertassen: Von links: Otto Lindig, Theodor Bogler, Steingut gegossen, 1929, Landesmuseum Mainz Marguerite Friedlaender, Trude Petri, Porzellan, „Hallesche Form“ mit Goldringen, KPM Berlin, 1929/1931, Privatsammlung Christian Dell, gelbes „Resopal“, Hermann Römmler, Spremberg, 1929/30, Sammlung Lattermann Heinrich Löffelhardt, Porzellan, Form „2000“ mit Bastdekor, Arzberg, Selb, 1954/55 GDKE RLP – Landesmuseum Mainz

    [MBK 2019]

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