Drei neue Bauhaus-Bauten

Zwischen Baustaub und Bauzaun

Stiftung Bauhaus Dessau / chezweitz 2019
Bauhaus Museum Dessau, Versuchsstätte Bauhaus. Die Sammlung, Visualisierung Südraum

Weimar. Oder: Welchen Wert hat Architektur für eine neue Generation Mensch?

Fast auf den Tag genau 100 Jahre nach der Gründung des Staatlichen Bauhauses wurde das Bauhaus-Museum Weimar Anfang April 2019 der Öffentlichkeit übergeben. Es ist Kernstück eines neuen Kulturquartiers, dessen Gebäude den Bogen vom ausgehenden 19. Jahrhundert über die ambivalente Historie der Moderne bis hin zur Gegenwart spannen: Das Museum liegt am Rande des Weimarhallenparks und gegenüber des ehemaligen nationalsozialistischen „Gauforums“.

Ein besonderer Standort, im Spannungsfeld von Politik, Geschichte und Kultur, der ebenso polarisierte, wie der Neubau der Architektin Heike Hanada: Die WELT fand das Haus und dessen Architektur „allzu schlicht“. Das Architekturmagazin DETAIL dagegen sprach von einem "radikal zeitlosen Rahmen für die Exponate“.

Heike Hanada selbst hat sich von den gestalterischen Prinzipien des Bauhauses zu ihrem Entwurf inspirieren lassen. Sachlicher kann ein Museumsbau, eine geometrisch klare Form, kaum sein. „Sein Körper aus gegossenem Beton bildet Struktur und Raum im Inneren wie im Äußeren. Größe, Höhe und Position vermitteln ein selbstbewusstes Verhalten und schaffen eine markante stadträumliche Präsenz", erläutert sie. Im Innenraum stellt die Architektur die Exponate, die aus der weltweit ältesten Bauhaus-Sammlung stammen, wie selbstverständlich in den musealen Mittelpunkt. 

In Weimar können Architektur- und Designinteressierte die Anfänge des Bauhauses entdecken. Als Besucher des neuen Bauhaus-Museum ist man eingeladen zu hinterfragen: Was kann Architektur, was kann Design leisten? Welchen Wert haben Architektur und Design für unsere Generation? Wie haben die Ideen des Bauhauses unsere Gesellschaft verändert? Die Kulturstadt Weimar ist ein wunderbarer Ort, um Antworten auf diese Fragen zu finden.

Und das Interesse ist groß: Bislang wurden bereits mehr als 120.000 Gäste gezählt. Man darf sich über diesen Erfolg freuen, denn ein Museum ist nichts ohne seine Besucher.

Andrea Alberts, © heike hanada laboratory of art and architecture 2019
Das Bauhaus Museum bei Nacht

Dessau: Und wie man Geschichten in Stein und Glas erzählt.

In Dessau erlebte das Bauhaus ab 1925 seine Blütezeit. Hier formte man aus einem schlichten Stahlrohr Möbel, die eine vorher nicht gekannte Leichtigkeit besaßen. Den „Freischwinger“, einen Stuhl der nur mit zwei Beinen auf der Erde steht, kennt heute jedes Kind. Die in Dessau entworfenen Möbel sind ein wichtiges Detail für den nachhaltigen und überragenden Erfolg des Bauhauses. Die Künstler und Handwerker entwarfen nicht nur eine neue Architektur, sondern dachten Gebäude und ihre Nutzung vollständig neu. Jeder Kubikmeter wurde kritisch analysiert und neu gestaltet. Alles wurde in Frage gestellt. Die Stadt Dessau half mit, die Idee des Bauhauses weiter zu entwickeln: Das von der Stadt finanzierte und nach Plänen von Walter Gropius errichtete neue Hochschulgebäude wurde bereits 1926 eröffnet.

Auch heute ist man in Dessau stolz auf diese Hochphase des Bauhauses. Mit der Eröffnung des Bauhaus Museum Dessau Anfang September 2019 wird dort die zweitgrößte Sammlung zum Bauhaus umfassend zu sehen sein. Der Neubau ist ein Werk von addenda architects (González Hinz Zabala), einem Architekturbüro aus Barcelona. Deren Entwurf wurden in einem offenen internationalen Wettbewerb unter 831 Einreichungen ausgewählt. 

Der Standort des Architekturbüros ist ein weiteres Indiz für die Aktualität des Bauhauses. Was wir heute mit der integrativen Idee einer europäischen Zusammenarbeit erleben, wurde vor 100 Jahren bereits vorgedacht und erprobt.

addenda architects nutzt für den Neubau die Formensprache der Moderne, die überall in der zeitgenössischen Architektur zu finden ist. Die spanischen Planer machen jedoch nicht den Fehler das Bauhaus zu kopieren. Frank Assmann, Leiter der Bauabteilung der Stiftung Bauhaus Dessau: „Der Entwurf geht mit dem Formenvokabular der Moderne sehr kreativ um. Kein anderer Entwurf hat es geschafft, unseren programmatischen Ansatz eines Laboratoriums, einer Werkstatt, eines offenen Hauses sowie die Präsenz unserer Sammlung so umzusetzen.“

Ab September 2019 wird hier die Geschichte erzählt, wie die Ideen des Bauhauses auch heute noch unseren Alltag beeinflussen und wie modern sowohl Design, als auch Kunst und Architektur sein können, die 100 Jahre lang ihren Einfluss in alle Welt ausdehnte.

Gonzalez Hinz Zabala, 2016
Entwurf Bauhaus Museum Dessau, Detailansicht

Berlin. Oder wie ein transparenter Turm den Weitblick schärft.

Unterstützt durch den Bauhaus-Gründer Walter Gropius, begann das Bauhaus-Archiv bereits 1960 eine Bauhaus-Sammlung anzulegen. Sie umfasst Arbeiten von Schülern und Lehrern des Bauhauses sowie der Nachfolgeinstitutionen wie dem New Bauhaus und der Ulmer Hochschule für Gestaltung und gilt als weltweit größte Bauhaus-Kollektion.

Nach wechselnden Standorten zog das Bauhaus-Archiv 1979 in das von Gropius entworfene markante Gebäude in Berlin. Um der stetig wachsenden Sammlung und den steigenden Besucherzahlen gerecht zu werden, wird es saniert und nach einem Entwurf des Berliner Architekten Volker Staab erweitert. Offizieller Spatenstich für den Baubeginn war im Juni 2019.

Staabs Entwurf erweitert die Ausstellungsfläche auf das Doppelte und stärkt die Präsenz des Museums im Berliner Stadtraum.Während im Bestandsgebäude das Archiv vorgesehen ist, findet das Museum für Gestaltung im Erweiterungsbau ein neues Zuhause. Staab und sein Büro entwarfen einen weithin sichtbaren gläsernen Turm, der den Eingang zu den Ausstellungsräumen bildet, der Museumspädagogik neuen Platz bietet und dessen Selbstbewusstsein und Selbstverständnis eine Hommage an das Bauhaus ist. „Die ikonografische Kraft der prägnanten Sheddächer ist unübersehbar. So war es ein wesentlicher Bestandteil unseres Entwurfs, genau diese Qualitäten des Bestandsbaus zu erhalten und sie für das gemeinsame Ensemble zu nutzen", so der Architekt. 

Der 20 Meter hohe Turm dient auch als Zugang zum tiefer gelegenen Foyer, dem zentralen Raum des Museums- und Veranstaltungsgebäudes. Ein langgestreckter 2-geschossiger Gebäuderiegel schirmt den entstehenden Platz um den neuen Haupteingang entlang der Von-der-Heydt-Straße ab und bietet Platz für Museums-Shop und Café. Die Eröffnung des Museumsneubaus ist für 2022 geplant. Seine Planung überzeugt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach am Tag der Entscheidung für Staab von einem überzeugenden Entwurf, Berlins Senatsbaudirektorin Regula Lüscher von einem Glückstag.

Bauhaus-Archiv Berlin
Erweiterungsbau Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung: Gläserner Turm als Eingang, Entwurf: Volker Staab Architekten, Berlin.

    [HM 2019]

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