Athen, wir haben dazugelernt!

documenta 14

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Athen, das flirrende, klirrende Athen empfängt uns mit einer entspannten Geschäftigkeit, die nichts mit der neugierigen Hektik der einströmenden Reisenden gemein hat. Fast zärtlich brennt die Sonne auf uns herab, als wir im Stadtteil Kerameikos die Metro verlassen, jenes riesenhafte Projekt der Olympiade von 2004, das das Vorurteil der faulen und ineffektiven Griechen so deutlich und granitfarben Lügen straft. Unsere Wohnung, ein Kleinod aus der Gründerzeit, da das griechische Staatsoberhaupt noch ein bayerischer Wittelsbacher war, liegt abseits der trendigen Straßencafés, die schon am frühen Nachmittag aus allen Nähten platzen. Unsere Veranda geht direkt in den Hof; es riecht nach Falschem Jasmin. Zitronen fallen auf Zementfliesen und kommen zwischen gekalkten Sitzbänken oder den Pfoten dösender Hunde zum Stehen. Athen 2017 – wenig hat sich verändert und alles, seit ich das letzte Mal in der Stadt gewesen bin.

Das letzte Mal, das war vor acht Jahren. Die Athener hatten sich längst an den neuen Rhythmus gewöhnt, den der Euro und zahlreiche Großveranstaltungen mit sich gebracht hatten, und ahnten noch nichts von der Krise. Noch waren Demonstrationen keine Massenveranstaltungen und Themen wie die Flüchtlingsbewegungen über das Mittelmeer politsche Avandgarde. Athen schien sich selbst gefunden zu haben, irgendwo zwischen Massen- und Kulturtourismus und dem Traum von einem ruhigen Leben in wirtschaftlicher Gemütlichkeit. Athen, das war längst nicht mehr der Nabel der Welt, nicht einmal in künstlerischer Hinsicht. Aber die Nische, die man besetzt hielt, lautete schon damals: Wer von Europa spricht, kommt um die Heimat der Europa nicht herum.

Heute, acht Jahre und ein Dutzend Wahlen, Referenden und Reformen später, hat sich Athen damit abgefunden, seine zahreichen Probleme nicht lösen zu können, aber auch nicht daran zugrunde zu gehen. Die Krise des Staats hatte indessen eine Blüte gesellschaftlichen Engagements zur Folge. Und mittendrin blühte die Kunst und trug Fragen in grellen Bildern und beißenden Sprüchen zurück auf die Straßen der Stadt. Im Jahr der documenta öffnet sich ein Fenster zur Vielfalt dieser einheimischen, sehr politischen Kultur. Zugleich bleibt sie Beiwerk, drängt sich den Reisenden nicht auf, will gefunden werden. Und so bilden Nischen die Zentren jener Lehre, die die documenta uns verspricht. Athen hat uns etwas zu sagen, aber nichts, das sich in Ausstellungshallen anbinden ließe.

Athen, mein Athen, unser Athen, ist eine Hungerkünstlerin. Schön und arrogant, provinziell und unglaublich städtisch. Der Schmutz der Levante, der Lärm des Südens, das Lachen afrikanischer Händler. Überall herrscht Widerspruch, nicht nur auf der Panepistimiou mit seinen marmornen Tempeln der Hochfinanz. Athen stinkt und es singt dabei. Verzweiflung wird in Cafés getragen und bei Freddo Cappucchino und viel Tabak in den Himmel abgegeben. Man vertraut niemandem und traut sich dennoch, laut zu hoffen. Athen hat keinen Terror, immerhin! Und man stößt sich an Flüchtlingen und malt mit ihnen, überall Zelte aus Marmor und Armut, die Lose verkauft. Das kleine Glück spricht griechisch, ab und zu.

Die Kunst gleicht einer Schnitzeljagd, Athen will erfahren werden. Ob mit dem Taxi, das noch immer unglaublich günstig ist oder wieder, oder mit Bussen, die stöhnen unter Alten und Rucksackreisenden. Wir werfen uns in den Strom, lassen uns von Insel zu Insel treiben. Hier eine Videoinstallation, hier ein Klangbeet, hier Schnitte in Stoff, der sich bläht, Modelle aus Pappmaschee und Styroporgedichte. Wir sehen, wir lesen, wir staunen. Vieles ist verwechselbar, doch manches reißt ins Herz, treibt um und lässt das Motto der Verstanstaltung in seltsamer Verdrehung in uns Wurzeln treiben. Lernen wir? Lernen wir von Athen? Hat Athen – und was – dazugelernt? Haben wir irgendwas gelernt aus der Krise, dem Krisentourismus, der Krisenindustrie? Oder haben wir uns in der Hoffnung eingerichtet, es ginge ohnehin bergab – und unsere Aufgabe sei es, dem Untergang so bequem wie möglich entgegenzufiebern, ein Logenuntergang sozusagen?

Athen 2017, so scheint uns, will uns gar nichts lehren. Zu lange war es die Schule der Welt, als dass es noch der Illusion anheim fallen könnte, am griechischen Wesen könne die Welt genesen. Athen 2017, das ist vielmehr: Lernen zu überleben. Es besser aufzugeben, sich nach Lehrern umzusehen, die uns die Welt erklären. Seien es Politiker oder Künstler. Und so beschleicht uns beim Streifen durch zweifellos sehenswerte Exponate an sehenswerten Plätzen vor allem die eine, vielleicht zentrale Erkenntnis dieses eingeforderten Lernprozesses: Athen 2017 braucht vieles, aber keine Kuratoren, die es gut mit ihm meinen, oder, je nach Lesart, aus der Heimstatt der Krise eine Quelle der Inspiration oder gar eine Bühne machen.

Auf dem Hügel der Musen, der heute den Namen Philopapposhügel trägt, stoßen wir an unserem letzten Tag nach einer kleinen Wanderung eher zufällig auf eine Installation der kanadischen Künstlerin Rebecca Belmore, die schon im Vorfeld der Eröffnung zu den meistfotografiertesten Motiven der diesjährigen documenta geworden ist: Ein Zelt aus Marmor mit Ausblick auf die Akropolis. Das „Biinjiya'iing Onji (Von innen)” genannte Monument trägt diesen frühen Ruhm nicht ganz umsonst. Ist sie doch ein Sinnbild des Versuchs, aktuelles Zeitgeschehen in ein exotisches Format zu gießen und dabei doch schrecklich auf Klassisches fixiert zu bleiben. 

In diesem Sinne: Danke, Athen. Wir haben dazugelernt!

[NF 2017]

 

Foto: Nicolas Flessa
Marmor, so weit das Auge reicht: Rebecca Betmores Flüchtlingszelt vor der Athener Akropolis
Foto: Nicolas Flessa
„Die Revolution wird sich morgen schon rasselnd wieder in die Höh' richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!“ Rosa Luxemburg neben Mies van der Rohes Revolutionsdenkmal von 1926 im Athen von heute
Foto: Nicolas Flessa
Let's blame Kandinsky
Foto: Nicolas Flessa
Nicht jeder in Athen will auf die documenta
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