Design als aktiver Modus

courtesy of Nur Horsanali
Nur Horsanalı / Halletmek

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Bauhaus-Freunde werden hellhörig bei dem Titel der diesjährigen Design Biennale in Istanbul: „A School of Schools“ heißt sie. Organisiert von der Istanbul Foundation for Culture and Arts (IKSV) unter der Leitung von Deniz Ova und Jan Boelen wirft die internationale Design-Veranstaltung viele Fragen auf. Ist nicht gerade eine Schule im Idealfall offen für Neues - und sollte sie sich nicht immer wieder neu erfinden? Sollte nicht auch das Phänomen Schule stetig hinterfragt und erforscht werden? Es ist, so scheint es, eine Reverenz an das Bauhaus, denn auch hier war es kein Hinderungsgrund, Immaterielles wie das Lernen und Ausbilden als einen Gegenstand des Designs zu betrachten.

„Für mich ist Design ein aktiver Modus“, sagt Kurator Jan Boelen. Sein Berufsleben ist mindestens so vielfältig wie die von ihm kuratierte Veranstaltung: Boelen ist Gründer und künstlerischer Leiter des Z33 House for Contemporary Art in Belgien, künstlerischer Leiter des experimentellen Labors Atelier LUMA in Frankreich und Leiter des Masterstudiengangs Social Design an der Design Academy Eindhoven in den Niederlanden. In Istanbul hat er es sich jetzt zum Ziel gesetzt, Raum und Zeit des üblichen Design-Events zu weiten. Während sich die erste Dimension in den pop-up-artigen Schulen alias Ausstellungsorten zeigt, streckt man den Zeitfaktor, indem man aus der herkömmlichen Biennale ein einjähriges Programm macht. Grund dafür ist, dass sich Jan Boelen schon immer gefragt hat, ob es überhaupt eine Notwendigkeit für Projekte wie eine Biennale gibt.

Veerle Frissen
Jan Boelen, Kurator Istanbul Biennale

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„Six weeks, six venues, six schools“ ist das Motto der Bildungseinheiten, deren Orte der Biennale, zum Teil herausragende Bauwerke, in Lernstätten verwandelt werden. „Unmaking School“ (Akbank Sanat) attestiert dem menschlichen Instinkt, wie ein pädagogischer Dynamo kreativ zu sein. „Currents School“ (Yapi Kredi Kültür Sanat) untersucht Ströme, Netzwerke, Verteilung und Hierarchien von Informationen und Themen. „Scales School“ (Pera Museum) untersucht die Fluidität von institutionalisierten Normen, Standards und Werten. „Earth School“ (Arter) fragt, was natürlich ist, was Katastrophe und was Evolution ist, wenn der Planet und der Mensch gezwungen sind, ihre pädagogische Beziehung neu zu verhandeln. „Time School“ (Salt Galata) reist von Hypergeschwindigkeit und Beschleunigung in die Ausdehnung der „Tiefenzeit“. Und „Digestion School“ (Studio-X Istanbul) lernt aus Stoffwechselsystemen, Konsummustern, kulturellen Ritualen und Ernährungsinfrastrukturen, wie sich zirkuläre Bildung und lebenslanges Lernen manifestieren.

Bei allem fachspezifischen Jargon, der in diesem „Pensum“ mitschwingt, betont der belgische Kurator: „Wir wollen eine Vielzahl von Menschen zusammenbringen: nicht nur lokal und international, sondern auch beruflich. Nicht nur Designer, die mit anderen Designern zusammenarbeiten, sondern auch Programmierer, Ingenieure, Soziologen, Kunsthistoriker, Kritiker, die gemeinsam an Projekten mit Menschen verschiedener Generationen und Geschlechter arbeiten. Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und Vielfalt sind die Schlüsselelemente für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.“  Schnell wird bei dieser Design Biennale deutlich: Mehr als die Produkte sind es die Prozesse, die im Zentrum stehen. Und vielleicht ist die Stadt selbst Teil dieser Prozesse, ohne die der aktive Designmodus à la Boelen weniger eindrücklich wäre. Denn diese Schule der Schulen gilt es erst einmal in den Weiten dieser Millionenstadt aufzuspüren.

Yapi Kredi Kültür Yayıncılık

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„Istanbul ist wie ein riesiger Spielplatz“, sagt Ottonie von Roeder, eine der etwa 60 Teilnehmer. „In Deutschland gehe ich manchmal in Museen oder Bibliotheken, um mich inspirieren zu lassen. Ich habe das Gefühl, hier kann ich einfach herumlaufen, weil jede Straße ganz anders ist." Die Gestalterin, die an der Bauhaus-Universität in Weimar Produkt-Design studierte, tritt in Istanbul mit dem Projekt Post-Laboratory auf, bei dem es um Roboterproduktion geht.

Ebenfalls in Istanbul vertreten: die Berliner Designerin Judith Seng. Sie stellt ihr Projekt „ACTING THINGS VII – School of Fluide Measurements“ im Rahmen der Istanbul Design Biennale vor. Seng war  u.a. Gastdozentin in Burg Giebichenstein –t. Seit August 2016 lehrt sie zusätzlich an der HDK Gothenborg. Mit ihrer Projektreihe ACTING THINGS untersucht sie Produktionsprozesse als sozio-materielle Choreographien.

Doch brauchen wir überhaupt eine Designausbildung? Das fragt sich Nur Horsanalı, die zurzeit an der Aalto Universität in Finnland studiert. Mit ihrem Projekt „Halletmek“ – was auf Türkisch so viel heißt wie erledigen und bewältigen – regt sie dazu an, die Straßen von Istanbul als ein einziges Open-Air-Museum der anonymen und doch höchst individuellen Designer zu betrachten, die alltägliche Probleme des Lebens mit gewitzten ad hoc-Gestaltungen meistern und das Leben in einer so anstrengenden Stadt deutlich angenehmer machen. Wenn man denn street-smart genug ist.

[ÖÖ 2018]

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