Monumente für den freien Geist

Die arabische Welt und die Moderne

Nicolas Flessa (2013)
Tripoli, Messegelände, Theater (errichtet 1963-1975 nach den Plänen von Oscar Niemeyer)

Absatz 1

Als das Bauhaus in Weimar seine Türen öffnete, sorgten Künstler und Kulturschaffende für den Durchbruch einer Revolution, die sich schon länger abgezeichnet hatte als der Sturz der Monarchie. Die Bewegung, die als „Moderne“ für immer den Hauch der Gegenwärtigkeit in ihrem Namen trägt, war jedoch weder auf Deutschland beschränkt noch auf die Leistung deutscher Künstler. Allein am Bauhaus lehrten und studierten Angehörige von fast 30 Nationalitäten, darunter so klingende Namen wie László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger oder Wassily Kandinsky, aber auch Irena Blühová, Isaak Butkow oder Iwao und Michiko Yamawaki.

Weniger bekannt als der Einfluss der Moderne auf Europa oder die USA sind die Spuren, die der Internationale Stil im Nahen Osten hinterließ. Hier, im ehemaligen Herrschaftsgebiet des Osmanischen Reichs, das den Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands verloren hatte, war der Aufbruch der Moderne weit mehr als nur ein kultureller Neuanfang. Die Existenz ganzer Länder wie Irak, Syrien, Jordanien oder Libanon gehen auf diese Zeit zurück, da Engländer und Franzosen die jahrhundertelange Herrschaft der Türken durch neue Grenzziehungen zur Sicherung ihrer eigenen Machtansprüche ersetzten.

Die reine Moderne

Der unter den Herrschern des Osmanischen Reichs eingeleitete Modernisierungsprozess, auch Tanzimat genannt, hatte bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche „westliche“ Innovationen und Technologien in der Levante heimisch werden lassen. Dieser Ideentransfer fand mit der Einwanderung europäischer Juden in das britische Mandatsgebiet gewissermaßen einen vorläufigen Höhepunkt – doch der Einfluss der Moderne auf den Nahen Osten beschränkte sich bei Weitem nicht auf die beeindruckenden Bauten der Architekten der Weißen Stadt.

Und während Europäer wie Arieh Sharon (* 1900) oder Dov Karmi (* 1905) die Wüsten vor Jaffa in einen Bauhaus-Traum verwandelten, schufen ägyptische Kollegen wie Ali Labib Gabr (* 1898) oder Charles Ayrout (* 1876) auch am Nil völlig neuartige Villen und Apartmenthäuser, deren eigenständige Formensprache bis heute einen wichtigen Beleg für das Verständnis der plurizentrischen Moderne darstellt. Hier wie dort spielten neben dem Einsatz zeitgemäßer Technologien anfangs auch die Verwendung charakteristischer Elemente wie gerundete Balkone, weiße Fassaden und der Verzicht auf jegliches historistisches Ornament eine Rolle.

Abbildung nach Karim, Sayyid (Hrsg). „Villa madam Valadji bi-Misr al-Jadida”, in: Majallat al-Imarah 2 (1940), S.82.
Kairo, Heliopolis, Villa für Madame Valadji (errichtet 1938/9 nach einem Entwurf von Charles Ayrout), Abbildung nach Karim, Sayyid (Hrsg). „Villa madam Valadji bi-Misr al-Jadida”, in: Majallat al-Imarah 2 (1940), S.82.

Absatz 5

Ein wesentlicher Bestandteil des Transfers der Moderne in den Nahen Osten war die Frage, inwieweit die für Europa entwickelten Prinzipien des Neuen Bauens auf lokale Traditionen und Materialien Rücksicht nehmen sollten. „Ausgangspunkt dieser Suche war eine intensive Diskussion zwischen Architekten, Malern, Bildhauern und Denkern“, so Rifat Chadirji (* 1926), einer der wichtigsten Vertreter der irakischen Nachkriegsmodernde. Das Vorgehen, nicht der Stil machte die in Europa geschulten Architekten wie Chadirji zu durch und durch modernen Gestaltern: „Es war mir ein Anliegen, die Gründe für herkömmliche Vorrichtungen zur Umgebungskontrolle wie Innenhöfe, Sichtschutzwände, natürliche Belüftung und reflektiertes Licht analytisch zu verstehen.“ Wie viele nichteuropäische Architekten betrachteten auch ihre arabischen Kollegen die Moderne nicht als Import aus dem Westen, sondern als zeitgemäße Ausdrucksmöglichkeit, um das bauliche Erbe ihrer Heimat mit der technischen Leistungsfähigkeit der Gegenwart zu verbinden.

Architektur und Politik

Das Verständnis der Moderne als einer vom Ballast der Geschichte befreiten Architektur, das in deutschen Großstädten nach dem Krieg zur Entstuckung zahlreicher Gebäude führte, sorgte auch in Ägypten für das Ende so mancher prachtvollen Belle-Époque-Fassade; als eindrückliches Beispiel gilt die Rundumerneuerung der National Bank of Egypt im Jahr 1948. Die gewaltsame Entsorgung „kolonialer Architekturen“ fand im Vorfeld der ägyptischen Revolution einen Höhepunkt: Hunderte von Gebäuden, die symbolisch oder architektonisch als „westlich dekadent“ galten, gingen Anfang 1956 im Zentrum der Hauptstadt in Flammen auf. „Am Ende des Schwarzen Samstags...“, so Mohamed Elshahed, „lag die Innenstadt von Kairo in Trümmern und ähnelte einer bombardierten Stadt.“ (Facades of Modernity, 41)

Absatz 7 + 8

Dass im Gegenteil auch die Moderne nicht immer Ausdruck einer Befreiung von kolonialen Strukturen darstellt, belegt ein Blick in den äußersten Westen des arabischen Raumes. Die „Weiße Stadt“ Marokkos, Casablanca, die Aaron Betsky einmal „das beste Modell der Moderne“ nannte, weil sie wie kaum ein zusammenhängendes Werk dieser Epoche „Ordnung und Aufregung vereine“, ist wie ihr israelisches Gegenstück eigentlich eine genuin europäische Stadt. Nicht nur der Plan stammt aus der Hand eines Franzosen, Michel Écochard. Auch marokkanische Architekten wie Jean-François Zévaco (* 1916) oder Elie Azagury (*1918) waren anfangs Teil einer kolonialen Bautradition, die noch in den 1950er-Jahren separate muslimische, jüdische und europäische Stadtviertel errichten ließ – und das ganz im „modernen Stil“.

Einen Mittelweg zwischen kolonialer und emanzipatorischer Moderne schlug der Libanon ein. Ähnlich wie das benachbarte Palästina sah man sich in dem erst 1920 gegründeten Staat einer großen Anzahl von Einwanderern gegenüber, die ihre Heimatländer aufgrund politischer Gewalt oder Diskriminierung kurz zuvor verlassen mussten. Nach modernen Prinzipien konzipierte Siedlungen und von den Immigranten selbst errichtete Gebäude führten zu einer bunten Mischung moderner und eklektizistischer Viertel, deren bauhistorisches Erbe bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist. Herausragende Architekten wie Farid Trad (*1901), Antoine Tabet (*1907) oder später auch Joseph Philippe Karam (*1923) sorgten schon ab den 1940er Jahren dafür, dass Beirut nach der Unabhängigkeit des Landes als „Paris des Nahen Osten“ galt.

Nicolas Flessa (2015)
Casablanca, Kathedrale (errichtet 1930 nach den Plänen von Paul Tournon), heute: Kulturzentrum

Unvollendete Moderne(n)

Ein beeindruckendes Beispiel für das bewusst importierte Werk eines nicht-arabischen Künstlers ist das von Oscar Niemeyer entworfene Messegelände in der nordlibanesischen Stadt Tripoli. Das durch den Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1975 nicht weiter verfolgte Projekt umfasst auf rund 10.000 Hektar neben einem monumentalen Rundbogen die Rohbauten eines Internationalen und eines libanesischen Pavillons, eines Experimental-Theaters und eines Museums für kollektives Wohnen. Anfang Juli 2019 wurden die Gewinner eines Wettbewerbs bekanntgegeben, die dem unvollendeten Messegelände unter Einbeziehung der vielleicht bald UNESCO-geschützten Altbauten im Rahmen eines „Centre de connaissances et d’innovation“ neues Leben einhauchen sollen: Imad Aoun und Nadim Younes – ein auch in Afrika aktives Architektenduo aus Beirut.

Nicolas Flessa (2013)
Tripoli, Messegelände (errichtet 1963-1975 nach den Plänen von Oscar Niemeyer)

Letzten Absätze

Wer sich heute auf die Suche nach den architektonischen Spuren der Moderne in den arabischsprachigen Ländern macht, begegnet also einer Vielzahl von „Modernen“. Der Ursprung dieser Zeugnisse reicht von einer „verordneten Modernisierung“ bis hin zur selbstbewussten Adaption einer als zeitlos verstandenen Architektursprache, vom kolonialen Instrument einer fremden Macht bis hin zur Leidenschaft kosmopolitischer Bauherrn. Die politische Abhängigkeit der meisten arabischen Staaten bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg hinaus führte vielerorts zu einer doppelten Modernisierung: der Anpassung an das europäische Ideal – und einer Emanzipation unter umgekehrten Vorzeichen.

Obwohl keiner der internationalen Studenten des Bauhauses aus einem arabischen Land stammt, ist es ausgerechnet der Irak, der die wohl eindrucksvollste architektonische Verbindung zur legendären „Hochschule für Gestaltung“ aufzuweisen hat. Walter Gropius, der 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar gegründet und hierfür 1925 seinen ersten Campus in Dessau errichtet hatte, entwarf ganz am Ende seines Lebens noch einmal eine umfangreiche Hochschularchitektur: die Universität von Bagdad. Der gemeinsam mit seinem Büro TAC konzipierte Komplex in einer Schleife des Tigris wurde nach Gropius’ Tod eher eklektizistisch zu Ende gebaut. In seinem Zentrum erinnert bis heute ein gigantischer Bogen mit dem Titel „Monument des freien Geistes“ aus der Feder des Bauhausgründers an die Mission einer Moderne, die sich eben nicht in „Form Follows Function“ erschöpfte.

Rifat Chadirji
Bagdad, Firdaus-Platz, Grabmal des unbekannten Soldaten (errichtet 1959 nach einem Entwurf von Rifat Chadirji, abgerissen für eine Statue Saddam Husseins zu Beginn der 1980er Jahre

    [NF 2019]

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