Das Bauhaus, ein hypnotisches Camp

Nicolas Flessa
Das Requiem auf die Moderne wird zur Nummern-Revue? Allem Bauhaus wohnt ein Schlemmer inne!

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Zuerst die gute Nachricht: Die Volksbühne Berlin, von Alters her ein Ort der Grenzüberschreitung und der Liebe zum Skandal, ist nicht zum Grabmal des Bauhauses geworden. Weder das gestern uraufgeführte Bauhaus-Requiem noch die Reaktion des Publikums ließen einen Zweifel an der Lebendigkeit der mehr als einmal totgesagten Institution.

Die schlechte Nachricht: Sollte es wirklich das Ziel gewesen sein, das Bauhaus zu beerdigen, um dem Jubeljubiläum etwas entgegenzusetzen, hat man sich mit Schorsch Kamerun den falschen Bestatter gesucht. Gestorben ist am gestrigen Abend höchstens der Versuch, eine Schule, die über mehr Punk verfügte als die meisten Aktionskünstler der Gegenwart, als nationales Erbe zu stilisieren, in dessen Windschatten kulturelle Selbstvergewisserung betrieben werden kann. Der Friedhof als Spielplatz für Erwachsene, der Trauer durch Staunen und salbungsvolle Reden durch salbungsvolle Verwirrung ersetzt.

Nicolas Flessa
Am 20. Juni 2019 wurde die Volksbühne Berlin zum temporären Bauhaus.
Nicolas Flessa
Gelbe Südfrüchte durften nicht fehlen in dieser Inszenierung von Regisseur und „Goldene Zitronen”-Sänger Schorsch Kamerun

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Der Rahmen des „rettenden Requiems“ ist rasch skizziert: Ein auf der Suche nach optischen Haltepunkten durch das Gebäude mäanderndes Publikum, das niemand treibt und das mit Hilfe einer als Audioguide gereichten Klangcollage doch ständig in Bewegung bleibt. Ein Stück, das auf Anhieb schmeckt, weil es sich, in mundgerechte Häppchen zerteilt, von jener bleiernen Schwere befreit, die das Bauhaus vielerorts beim Feiern zum Erliegen bringt. Und ein Ensemble, das sich von Regisseur Schorsch Kamerun bauhausfrech um den kleinen Finger wickeln lässt, weil es sich dabei so schön auf offene Wunden legen lässt.

Das von freien Assoziationen und angenehm abgedrehter Bauhaus-Reflexion durch die Gänge des Theaters getriebene Publikum galt als große Unbekannte, dessen Berechenbarkeit in popkultureller Manier freilich von Anfang an sorgsam eingepreist schien. Kameruns Eloge an das Bauhaus, das „bereit weit aufzumachen, frei zu experimentieren, bekanntermaßen so lange, bis es nicht mehr ging“ wurde zur Maxime eines Abends, der weit mehr mit Rettung denn mit Requiem zu tun hatte. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass mancher Kritiker trotz tosendem Applaus von einer „glatten Themaverfehlung“ (Deutschlandfunk) spricht – oder, wie Spiegel Online, von einem „Hürdenlauf in Ironiegewitter“.

Nicolas Flessa
Ein angesichts des bunten Treibens ergrauter Paul Herwig rezitierte den Abend über Kryptisches.
Nicolas Flessa
Für das große Finale des „Bauhaus-Requiems” wurde das Publikum doch noch in den Guckkasten Theatersaal platziert.

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Manchmal braucht es eben einen Leichenschmaus mit geschwätzigen Hinterbliebenen, um mehr über einen geliebten Menschen zu erfahren, der einem während Dutzender Geburtstagsfeiern immer auch ein bisschen rätselhaft geblieben ist.

    [NF 2019]

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