Der Bauhaus-Blick ins Grüne

© Greg Benson (pexels.com)
Farnsworth House (Architekt: Ludwig Mies van der Rohe)

nein

So wie Wohnräume im Bauhaus geplant waren, war der Innen- ohne Außenraum nicht denkbar. Und auch nicht gestaltbar. Die Architektur im Bauhaus öffnete Fassaden, ließ Licht nach innen gleißen und leitete den Blick nach außen. Eine Grundidee des Bauhauses war die Einheit von Innenraum und äußerer Umgebung. Die Skelettbauweise aus Stahl, die monumentalen Glasfassaden ermöglichten ganz neue Blickverbindungen. Das Bauhaus wollte weg vom Reihenhaus, hin zum freistehenden Einzelquader. Doch was umgibt diesen Quader? Und: In welches Außen will man blicken? Wer gestaltet dieses Außen?

Gartenbau wird nicht gelehrt

Die Gestaltung der Flächen rund um die neuen, minimalistisch-formalistischen Gebäude war am Bauhaus kein offiziell gelehrtes Thema. Gartenbau oder Landschaftsarchitektur, die künstlerische Auseinandersetzung mit Außenraumgestaltung war als Ausbildungszweig im Bauhaus nicht vorgesehen. Auch wenn es immer mal wieder Bestrebungen gab, eine Gartenkunst-Klasse zu eröffnen, blieb die Idee letztlich in der Schublade liegen.

Ludwig Mies van der Rohe war einer der wenigen Architekten am Bauhaus, der die Außenräume seiner Bauten mitdachte und plante. Für die Umsetzung von Gärten, Terrassen, Höfen und Plätzen ließ er sich von Experten beraten, unter anderem vom Berliner Gärtner und Garten-Philosophen Karl Foerster. Um den Staudenzüchter Foerster bildete sich in den beginnenden 1930er Jahren ein Kreis von Garten- und Landschaftsgestaltern, die die Verbindung von Haus, Stadt und Landschaft suchten. Die späteren Eheleute Hermann Mattern und Herta Hammerbacher bildeten eine Art Keimzelle für diese neue moderne Schule der Garten- und Landschaftsarchitektur.

Das innere Wesen der Landschaft

Ihre Überzeugung basierte darauf, dass Architektur und Natur zur vollkommenen Harmonie gelangen, wenn sie sich gegenseitig bedingen und durchdringen. Es ging ihnen also nicht einfach um blühenden Schmuck, um Augen-Weiden, sondern darum, das „innere Wesen der Landschaft zu erfassen“. Unter den Spitznamen „Hügel-Hermann“ und „Mulden-Hertha“ orientierten sie sich bei der Gestaltung am vorhandenen Bodenprofil und betonten dieses durch Aufschüttungen und Grabungen. Diese neue Formensprache, die Raumbildung durch Absenkungen und Erhöhungen, das Errichten von Hecken und Wänden und perspektivische Durchblicke, war neu. 

Es ging hier um ein Modellieren, um Kunst, um Strukturen, die Stimmungen erzeugen sollten, um „Farbmelodien“. Kontrapunktisch zu den neuen Materialien in der Architektur blieb es im Gartenbau der Zeit bei den natürlichen Materialien Erde, Boden, Steine, Wasser und Pflanzen. Ob dieser verspielte und bewegte Kontrapunkt bewusst als Reaktion auf den Formalismus des Bauhauses gesetzt wurde, ist offen. Wahrscheinlich entwickelte sich die Landschaftsgestaltung eher parallel zum Bauhaus, war die Weimarer Republik doch ganz grundsätzlich eine Zeit des Aufbruchs und der Neu-Orientierung.

Die Gestaltung der Stadt-Landschaft

Diese sich parallel zum Bauhaus entwickelnde Garten- und Landschaftsarchitektur blieb aber nicht im Garten stehen, sondern verstand die Gestaltung aller nicht-bebauten Lebensräume als ihre Aufgabe. Es ging also letztlich um die Gestaltung der Stadt-Landschaft. „Den Freiraum für den Menschen mit seinen grünen Bedürfnissen im Dialog mit der Architektur als sozialen Begegnungsraum zu entwickeln, würde im Kern aus unserer Sicht einen Bauhaus-Garten auszeichnen“, sagt Oliver Toellner, Leiter Planung und Ausstellungskonzeption bei der Bundesgartenschau Heilbronn 2019 GmbH. Bei der Planung der diesjährigen BUGA in Heilbronn ging es dann auch um die Fragen: Wo ist das Maß Mensch wieder zu finden? Welche Bedürfnisse muss der Freiraum im Kontext von Architektur erfüllen? Wie lässt sich dieser Dialog in Formgebung übersetzen? Toellner sieht nicht per se eine Formdebatte der Moderne im Sinne von „kubistische Architektur versus landschaftsarchitektonische Modellierung“, sondern es geht um das Forschen nach der Form des Stadtraums.

Genau dieses Forschen gewann auch in der Bauhaus-Zeit an Bedeutung. Landschaftsarchitekten wie Leberecht Migge begannen damit, die gesellschaftliche Relevanz des wohnungsnahen Freiraums in konsequente, urbane Landnutzung zu überführen. Wenn heute in den Metropolen dieser Welt das Urban Gardening die Natur in die Stadt bringt und den Schein einer urbanen Idylle der Selbstversorgung erzeugt, haben diese Ideen ihren Ursprung weit früher, nicht zuletzt befeuert von den Bedürfnissen der Nachkriegszeit. So schaute Migge nach Westen und war inspiriert von der englischen Idee der Gartenstadt, von einer grundsätzlichen Reform im großstädtischen Wohnungsbau und der Stadtplanung. Hier passt der Ansatz wieder zum Bauhaus, denn es ist ein holistischer Blick auf das Grün – genauso, wie das Bauhaus immer verschiedene Gewerke im Blick hatte. Es ging um Nutzbarkeit und um die Befriedigung der Bedürfnisse aller. Migge integrierte Spielbereiche für Kinder, Gemeinschafts-Dachgärten, Ruhebereiche und Orte der Müllentsorgung in die Freiräume. 
 

Luft, Licht, Sonne – und Bewegungsraum

So sah das auch Georg Pniower, der in den 1920er und 1930er Jahren in Berlin als Landschaftsarchitekt wirkte und das Bauhaus-Motto von „Luft, Licht, Sonne“ in die Landschaftsplanung mit einbezog. Er sah seine Aufgabe darin, in den „Dienst der Volksgesundheit“ zu treten, die Menschen ausreichend mit Luft, Licht, Sonne und Bewegungsraum zu versorgen, um damit nicht zuletzt Krankheitsanfälligkeit und die Verbreitung typischer Zivilisationsseuchen zu vermindern.

Im verdichteten Stadtraum von heute sind diese Themen bekannt. Wartelisten für Kleingärten sind so lange wie die für Kitaplätze, unlängst wurde ein gemeinschaftlicher Dachgarten einer Baugruppe im Friedrichshain zum „schönsten Dachgarten Berlins“ gekürt, Bienenkästen schmücken Balkone in Innenstädten. Das Innen hat das Außen durchdrungen, das Grün ist integraler Bestandteil des Wohnraums geworden, gemeinschaftlich genutzte Grünflächen als Begegnungsräume lösen den privaten Vorgarten ab.

Auch Oliver Toellner von der BUGA Heilbronn versteht Planung als Verschmelzung der Gewerke: „Der Landschaftsarchitekt muss wie ein Stadtplaner denken, der Tiefbauingenieur wie der Gärtner, der Wasserbauingenieur wie der Hochbauarchitekt. Interdisziplinäres Arbeiten, Ausprobieren und Forschen an der Stadt der Zukunft ist für uns die Inspiration und Motivation, die vom Bauhaus ausgeht mit dem Ziel eine lebenswerte Stadt zu entwickeln, die den Menschen wieder in das kaputte Bahngelände am Neckar zurückgeführt hat.“

Veranstaltungen

„Licht Luft Scheiße“ – Perspektiven auf Ökologie und Moderne:

17.08 – 27.10.2019
Ausstellung 
Neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin

16.08. – 27.10.2019
Ausstellung
Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin

23.06. – 27.10.2019
Vorträge, Workshops & Exkursionen
Nachbarschaftsakademie Prinzessinnengärten Kreuzberg Berlin


Bundesgartenschau Heilbronn 2019
17.04. – 06.10.2019

    [AV 2019]

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