Moderne Höhenflüge, Tempeljünger und Selfie-Pioniere

Ausstellung im Bauhaus Dessau

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Schon seit jeher zog es kreative Geister an Orte, an denen etwas Neues entsteht. In den Jahren zwischen 1919 und 1933 war die aufstrebende Industrieregion Sachsen-Anhalt einer dieser Orte. Hier wehte ein frischer Wind. Man hoffte, gemeinsam mit der Industrie und ihrer fortschrittlichen Technik die Herausforderungen auf dem Weg zu einer Neuen Gesellschaft anzugehen. Es wurde geforscht, experimentiert, getestet und in die Zukunft gedacht. Dieser Spirit lockte viele Künstler, Gestalter, Architekten, Pädagogen, Techniker und Unternehmer an. Hier gelangte das Bauhaus in seinen Dessauer Jahren zwischen 1925 und 1932 zu einer Blüte. Bis zum 6. Januar 2017 erzählt eine Ausstellung am Bauhaus Dessau von den „Modernen Typen, Fantasten und Erfindern“ aus dieser Zeit. Sie leiten als Protagonisten durch die vier Kapitel der Ausstellung: Der Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers oder die Raketenpioniere Max Valier und Rudolf Nebel berichten über ihre „Höhenflüge“, wie den Test eines Raketenautos im Harz oder den Start der ersten bemannten Weltraumrakete im Zentrum von Magdeburg – einem groß angekündigten Spektakel, dem letztlich die Zuschauer ausblieben und im letzten Moment der Testpilot absprang.

Das Kapitel „Systematisch Siedeln“ gewährt Einblicke in die Arbeit visionärer Stadtplaner und Architekten wie Bruno Taut, Ludwig Hilberseimer oder Edith Dinkelmann, die 1919 als erste Frau an der Technischen Universität Braunschweig ein Architekturdiplom erhielt – und selbstbewusst mit dem Baubüro Walter Gropius in einen Streit um die rationalere und wirtschaftlichere Wohnsiedlung trat. Reformpädagogen wie die Bauhäusler Josef Albers und Karla Grosch oder Fritz Rauch melden sich im Kapitel „Lernen Üben“ zu Wort und der Werbegrafiker Johannes Molzahn gibt unter dem von ihm geprägten Titel „Reklame – Mechane“ neben Walter Dexel und dem Bauhäusler Joost Schmidt Einblicke in die Welt der Werbung und der Ausstellungen. Aber man trifft in der Ausstellung auch auf andere Visionäre. Wie den Wanderprediger, Tempelwächter und Reichstagskandidaten Gustav Nagel, der mit den Eintrittsgeldern zu seinem selbsterrichteten Tempel am Arendsee und dem Verkauf seiner Postkarten kurzzeitig zum wichtigsten Steuerzahler der kleinen Gemeinde Arendsee wurde. Oder die Fotografin und Selfie-Pionierin Gertrud Arndt, die in ihren Maskenportäts mit dem neuen Frauenbild und der neuen Mode experimentierte.

Auch die Ausstellung selbst gibt den experimentierfreudigen Pioniergeist der „Modernen Typen, Fantasten und Erfinder“ wieder. „Wir haben der Stiftung keinen fertigen Plan für die Ausstellung vorgeschlagen, sondern ein Experiment.“ so Lukasz Lendzinski vom Stuttgarter Architekturkollektiv UMSCHICHTEN. Sie verwandelten die Ausstellungsräume am Bauhaus Dessau einen Monat vor Ausstellungsbeginn selbst in ein Labor: „Wir haben uns in der Region nach geeigneten Materialien umgesehen und nach Leuten gesucht, die Lust hatten, mit uns zusammen zu arbeiten.“ Fündig geworden sind sie bei dem ortsansässigen Unternehmen Kubra und der Mansfelder Aluminiumwerk GmbH. Diese stifteten die Materialien, aus denen nun die Ausstellungsinstallation entstanden ist – ganz ohne bohren, kleben, sägen oder verankern. Denn nach der Ausstellung gehen sämtliche Materialien unverändert wieder zurück an die Leihgeber. Precycling nennen die Künstler diese Praxis – und sind mit ihrer Haltung zu einem bewussten Umgang mit Ressourcen mindestens genauso innovativ und visionär wie die Protagonisten in der Ausstellung.

Die Ausstellung „Moderne Typen, Fantasten und Erfinder„ am Bauhaus Dessau ist Teil des groß angelegten Ausstellungsprojektes „Große Pläne!“ der Stiftung Bauhaus Dessau im Verbund mit 14 weiteren Ausstellungsinstitutionen in Sachsen-Anhalt. So öffnete das Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode für „Große Pläne!“ die Türen. Der Kunstverein Talstrasse in Halle zeigt noch bis zum 29. Januar 2017 Textilkunst von der Burg Giebichenstein aus den 1920ern. Dem Architekten Carl Krayl wird in Magdeburg noch bis zum 12. Februar 2017 eine erste Retrospektive gewidmet – an dem Ort, an dem er gemeinsam mit Bruno Taut leuchtende Farben in die Magdeburger Arbeitersiedlungen brachte.

Fünf thematische Reiserouten laden ein, das Land Sachsen-Anhalt als Labor der Moderne kennenzulernen: auf den Spuren der Modernen Typen (Route 1: Dessau, Halle, Quedlinburg), über die Höhenflüge der Raketenpioniere staunend (Route 2: Dessau, Magdeburg), auf Entdeckungstour des modernen Siedlungsbaus und visionärer Stadtplanung (Route 3: Leuna, Elbingerode, Dessau, Magdeburg), neugierig auf die Konzepte der Reformpädagogen (Route 4: Dessau, Halle) oder interessiert an den Geschichten zur Werbegrafik dieser Zeit (Route 5: Dessau, Magdeburg). Man sollte sich Zeit nehmen, denn es gibt viele „Große Pläne!“ zu entdecken – darunter Bekanntes und weniger Bekanntes, Überraschendes, vielleicht auch Verwunderliches und sicher einige Verrücktheiten. Es lohnt sich mit den „Modernen Typen, Fantasten und Erfindern“ Bekanntschaft zu machen und sich auf ihre Experimentierfreude und ihren Zukunftsglauben einzulassen. www.grosse-plaene.de

[NO 2016]

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Der Ingenieur und Raketenforscher Rudolf Nebel mit Wernher v. Braun, 1932 © ullstein bild
Foto: Alexander Meyer, 2016, Stiftung Bauhaus Dessau
Ausstellung „Große Pläne!“, "Mechanische Schaufenster" von Jürgen Steger, Bauhaus Dessau, 3.5.2016
Foto: Roman Häbler, 2016, Stiftung Bauhaus Dessau
Ausstellung „Große Pläne!“, Hörstation „Scheerbart, Gropius und Taut im Gespräch“, Bauhaus Dessau, 3.5.2016
Stadtarchiv Magdeburg Fotos HBA 6587
Xanti Schawinsky: Vitrinen der Hochbauverwaltung auf dem Ausstellungsgelände
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