Vorbild Amateur

Vom Bauhaus zu Instagram

© VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Umbo (i.e. Otto Umbehr, 1902–1980), Umbo selbst, um 1930, Silbergelatinepapier, 29,2 x 22 cm, Sammlung Siegert, München

Zur Person

Tulga Beyerle ist eine österreichische Designerin. Seit 2018 leitet sie das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Einstieg

Durch die Linse ihres Smartphones prägen sie unser Bild der Realität. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) untersucht jetzt in einer Ausstellung, was Bauhaus und Instagram tatsächlich verbindet. Wir sprachen mit MKG Hamburg-Direktorin Tulga Beyerle über Illusion und Wahrheit, Imagination und Selbstdarstellung, ikonische Fotos und politische Fotografie.

Eine Milliarde Menschen weltweit nutzen Instagram. Was lässt sie und uns den Auslöser drücken, Frau Beyerle: Der Drang, Erinnerungen zu schaffen, sich selbst zu vergewissern, oder die einfache Möglichkeit schnell die eigene Realität per Filter zu korrigieren?

Es gibt sicherlich unterschiedliche Gründe. Wenn ich mein eigenes Instagramverhalten betrachte, dann ist die Blase, in der ich mich bewege, davon geprägt, dass ich Eindrücke, Erlebnisse, Inspirationen teilen will. Es ist natürlich auch eine Positionierungsgeschichte, eine Profilierung der eigenen Person. Bin ich attraktiv auf Instagram, finden die Leute das toll, welche Fotos soll ich also posten? Die andere Art der Inszenierung, die ich persönlich allerdings schwer nachvollziehen kann, ist ein profitorientiertes Verhalten. Dieser Hang zur Selbstdarstellung, die ins Künstliche oder Inszenierte kippt, scheint ein Weg für Menschen zu sein, zwischen verschiedenen Identitäten zu wechseln. Vielleicht ist das auch ein Phänomen unserer Zeit, dass wir unterschiedliche Identitäten annehmen wollen.

Ist das Spiel mit Identitäten die Brücke zum Bauhaus? Oder war die fotografische Selbstinszenierung der Bauhäusler viel stärker von Unschuld geprägt, als das heutige Selfie-Zeitalter?

Die Bauhäusler haben die Amateurfotografie als Inspirationsquelle genutzt. Ihrer Meinung nach, waren die Arbeiten der unverbildeten Amateure spannender als die der ausgebildeten Fotografen. Sie wollten dieses künstlerische Potenzial, diese Freiheit nutzen. Die Kuratorin Esther Ruelfs fand es interessant, zu schauen, ob heute durch Instagram etwas ähnliches passiert. Wenn sich die Bauhäusler fotografiert haben, dann ist das im übrigen natürlich auch eine Inszenierung ihrer Identität gewesen. Sie inszenierten sich als eine der Avantgarde zugewandte Gruppe junger Menschen, die sich bewusst anders positioniert und darstellt als es in der damaligen bürgerlichen Gesellschaft üblich war. Ob das unschuldiger war, als Instagram heute? Wahrscheinlich. Im Bauhaus wird eine Freude spürbar, ein Zukunftsglaube, dass eine neue Welt fassbar ist. Während man heute schon hart darauf kalkuliert, durch Instagram einen persönlichen Profit zu schaffen – und wenn es nur der der Aufmerksamkeit ist. 

Etliche der Bauhäusler-Fotos sind Ikonen der Fotografie. Hat Sie persönlich eine Erkenntnis der Ausstellung überrascht?

Wir kennen alle die ikonischen Bauhausfotos, zum Beispiel von Oskar Schlemmer, der auf dem Balkon liegt und seine Füße sind riesig, weil es eine völlige Bildverzerrung gibt, einen typischen Bruch mit den Regeln der Fotografie. Oder die Doppelüberblendungen und die Porträts, die mit ungewöhnlichen Winkeln oder Spiegeln spielen. Was ich aber tatsächlich nicht wusste ist, dass zum Beispiel Lucia Moholy geplant hat, eine Publikation herauszugeben, in der sie den Bruch mit der klassischen Fotografie feiert: Haltet euch nicht an die Regeln! Dass die Bauhäusler diese Idee so bewusst öffentlich machen und die Entdeckung der Amateurfotografie durch das Bauhaus betonen wollten, war für mich eine neue Erkenntnis. 

Moholy-Nagy drückte in Ascona auf den Auslöser und fotografierte Oskar Schlemmer.
VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Moholy-Nagy drückte in Ascona auf den Auslöser und fotografierte Oskar Schlemmer.

Ein wichtiges Kapitel der Ausstellung „Vom Bauhaus zu Instagram“ ist das Thema politische Fotografie. Warum?

Politik war für junge Fotografen in den 1920er Jahren ebenso ein Thema wie in den 1960er, den 1970er Jahren und heute. Arbeiterkultur. Klassenkampf. Kampf gegen Atomkraft und für die Umwelt. Alles Themen, die Amateurfotografen dazu angeregt haben, den Fotoapparat als ein Instrument oder eine Art Waffe zu begreifen, mit der sie die Möglichkeit haben, Missstände sichtbar zu machen. Amateurfotografie begann auch erst in dem Moment, in dem Fotoapparate erschwinglich wurden. Heute haben wir durch die Smartphones unfassbar viele Möglichkeiten, Demonstrationen, Proteste, historische Momente, Ungleichheiten zu teilen. Das heißt noch lange nicht, dass sich durch politische Amateurfotografie gesellschaft-lich tatsächlich etwas ändert. Aber Dinge kommen in Bewegung. Denken sie an den Arabischen Frühling, daran, wie viel wir aus dem Inneren des Protestes durch Fotos auf Instagram und Facebook erfahren haben. Was ich in diesem Zusammenhang extrem spannend finde, ist das Thema der Forensic Architecture, die durch den Vergleich und Abgleich von Fotos Vorgänge rekonstruiert und Wahrheit fördert. 

Ausstellung trifft auf Alltag: "Wandernde Gesten"
Henning Rogge
Ausstellung trifft auf Alltag: "Wandernde Gesten"

Dank

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Beyerle. 

Zur Ausstellung

Amateurfotografie. Vom Bauhaus zu Instagram
Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
03.10.2019 – 12.01.2020

Zum Seitenanfang