„Wir laden die Welt ein, das Jubiläum mit uns zu begehen”

Thüringische Staatskanzlei
Ministerpräsident Bodo Ramelow

Herr Ministerpräsident, gibt es einen Bauhäusler, den Sie besonders schätzen und wenn ja, weshalb?

In der Vielzahl der interessanten Köpfe einen einzigen auszusuchen, ist natürlich keine leichte Aufgabe. Zu den von mir sehr geschätzten Persönlichkeiten gehört aber zweifelsohne Alfred Arndt. Er hat uns mit dem „Haus des Volkes“ in Probstzella das größte Bauhaus-Ensemble Thüringens hinterlassen, wo man noch heute dem Flair des Bauhauses nachspüren kann. So etwas vermutet man wohl zuallerletzt an den Hängen des Thüringer Waldes! Das Gebäude ist eine Wucht, man kann dort auch übernachten, das kleine Museum besuchen und am Thüringer Meer endlos wandern – perfekt für wanderfreudige Menschen wie mich. Wenn ich Alfred Arndt begegnen könnte, würde ich mich gern mit ihm über dieses Projekt unterhalten –  oder auch über seine Bemühungen nach 1945, das Bauhaus in Weimar wiederzueröffnen. 

Der Titel der zentralen Ausstellung lautet: „Das Bauhaus kommt aus Weimar”. Gibt es für Sie eine spezifisch „thüringische” Komponente des Bauhauses?

Thüringen ist die Wiege des Bauhauses und untrennbar mit dessen Geschichte verbunden. Das moderne Denken, nicht nur in Kunst und Architektur, hat hier einen seiner bedeutendsten Ursprünge. Dieses Erbe des Bauhauses wird natürlich von der Bauhaus-Universität Weimar gepflegt, die sich ganz bewusst als Nachfolge-Institution versteht. So wie vor 100 Jahren steht hier der experimentelle Charakter des Bauhauses im Vordergrund. Als wir Anfang April mit einem fulminanten Fest das Bauhaus-Museum eröffneten, wurde aber auch klar: Das Bauhaus lebt in Weimar. Insofern kann man durchaus sagen: Moderne hat in Thüringen Tradition.

Ihr Vorsitz fällt in die Zeit des Bauhausjubiläums, das in unzähligen Veranstaltungen im ganzen Verbund begangen wird. Welche Ziele haben Sie sich als für diesen Zeitraum gesetzt?

Die großen Ziele und Meilensteine haben wir uns im Bauhaus Verbund natürlich in den Jahren seit 2012 gesetzt, in denen wir das Jubiläumsjahr sorgfältig vorbereitet haben. In diesem Jahr ernten wir die Früchte, die wir seither ausgesät haben. Das vornehmliche Ziel ist es, die Welt einzuladen und willkommen zu heißen, mit uns das Jubiläum überall in Deutschland zu begehen. Und schon jetzt zeichnet sich ab, dass wir dieses Ziel wohl erreichen werden. 

Welche (vielleicht nicht so bekannten?) Veranstaltungen liegen Ihnen dieses Jahr ganz persönlich am Herzen?

Wir werden 2019 flächendeckend sowohl in Thüringen als auch bundesweit ein sehr reichhaltiges, buntes und abwechslungsreiches Programm erleben, auf das ich mich insgesamt sehr freue. Aus allen Sparten haben wir etwas zu bieten und es ist schön zu sehen, wie viele unserer Kulturakteure sich in dieses besondere Jahr einbringen werden. Mit der Woche der Demokratie im Februar 2019 in Weimar sowie der Eröffnung unseres neuen Bauhaus-Museums im April haben wir in Thüringen ja bereits erste Highlights erlebt. Sehr freue ich mich auf das Kunstfest im August, das in diesem Jahr neben dem Bauhaus auch anderen runden Jubiläen wie der Weimarer Republik und der friedlichen Revolution einen Platz einräumt. Im September haben wir die Triennale der Moderne zu Gast, die einen besonderen Schwerpunkt auf Israel setzen wird – auch darauf bin ich sehr gespannt. 

Visualisierung, 2017, © bloomimages GmbH
Bauhaus-Museum Weimar, Eingangsportal mit Vorplatz
Visualisierung, 2018, © Tomás Saraceno
Foyer mit dem Kunstwer >> Sundial for Spatial Echoes << von Tomás Saraceno

Weimar als der Geburtsstätte des Bauhauses oblag im vergangenen Monat denn auch die Eröffnung des ersten der drei neuen Bauhaus-Museen. Hand aufs Herz: Gehört das Bauhaus ins Museum?

Das „Bauhaus“ als Idee gehört sicherlich nicht ins Museum. So ist unser Haus in Weimar ja auch gar nicht angelegt – im Gegenteil: Es soll ein offenes Gebäude sein mit einem großen Werkstattbereich, in dem Besucher selbst Hand anlegen können. Das Experiment mit Materialien und Techniken steht dabei im Vordergrund, ganz im Sinne des Bauhauses. Aber das Bauhaus als historische Institution hat uns auch viele Objekte hinterlassen, die uns noch heute angesichts ihrer zeitlos-modernen Ästhetik in Erstaunen versetzen. Hier haben wir einen Auftrag: diese Objekte für die Nachwelt zu bewahren, zugänglich zu machen und ihre Geschichte zu erzählen. Eine solche Werkschau benötigt ganz gewiss ein Museum. 

Das HKW titelte zu Beginn des großen Jubiläumsjahres „Wie politisch ist das Bauhaus?” Wir fragen Sie: Wie politisch sollte das Bauhausjubiläum sein?

Ein zentraler Gedanke bei der Vorbereitung des Jahres 2019 in Thüringen war immer die gemeinsame Betrachtung der Jubiläen des Bauhauses sowie der Weimarer Reichsverfassung, da das Bauhaus natürlich nicht losgelöst von der Weimarer Republik zu denken ist. Die Geschichte des Bauhauses ist auch eine Geschichte politischer Repressalien und schließlich der Vertreibung. Das manifestiert sich nicht zuletzt beispielsweise im Lagertor der heutigen Gedenkstätte Buchenwald, dessen Schriftzug vom Bauhäusler Franz Ehrlich in Gefangenschaft gestaltet wurde. Daher war uns gerade die kritische Auseinandersetzung mit dem Bauhaus und seiner Zeit, auch mit den politischen Dimensionen, immer sehr wichtig. Was uns diese Zeit lehren sollte ist, dass „Anders-Sein“ in unserer Gesellschaft einen Platz haben muss und Raum für Kreativität besonderen politischen Schutzes bedarf. Auch heute, 100 Jahre später, erleben wir ein zunehmendes Erstarken nationalistischer und populistischer Tendenzen in Europa. Die Botschaft, die wir im Jahr 2019 ganz deutlich vermitteln wollen, ist daher ein „Nie wieder!“. Nie wieder dürfen wir zulassen, dass die kulturelle Vielfalt und die freiheitlich-demokratische Grundordnung bedroht werden.

Bildung ist Ländersache. Wie eine aktuelle Studie des DZHW zeigt, sind die Chancen, ein Studium aufzunehmen, nach wie vor stark von der Herkunftsfamilie abhängig. Ist die Aufmerksamkeit für das Bauhaus, das sich auf die Fahnen schrieb, „jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht“ aufzunehmen, nicht ein perfekter Anlass, endlich den leidigen deutschen Bildungstrichter zu zertrümmern?

Zunächst einmal möchte ich festhalten, dass auch unsere heutigen Hochschulen Studierende ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht oder gar Herkunft aufnehmen. Das ist nicht der Punkt, an dem der Trichter sich verengt, da grundsätzlich jeder die theoretische Möglichkeit hat, ein Studium aufzunehmen. Teure Elite-Universitäten, die eine soziale Segregation befördern, sucht man bei uns vergebens, worauf wir wirklich stolz sein können. Gleichwohl wissen wir, dass auch heute noch Bildungschancen vom Geldbeutel der Eltern abhängig sind. Zwar hat der Staat Instrumente geschaffen wie das BaföG, die Politik steht aber meines Erachtens weiterhin in der Pflicht, die Rahmenbedingungen in Richtung tatsächlicher Chancengerechtigkeit zu justieren. Das gilt für Universitäten wie auch für Schulen. Erlauben Sie mir außerdem noch einen kurzen Gedanken: Ist eine Nation von Akademikern wirklich erstrebenswert? Das Credo des Bauhauses lautete: „Kunst und Handwerk – eine Einheit“. Wir sollten nicht den Fehler machen, nur in solchen Berufen einen Wert zu sehen, die ein Studium voraussetzen. Das Bauhaus hielt das Handwerk hoch, nicht die akademisch-theoretische Ausbildung. Auch wir sollten uns häufiger daran erinnern, dem Handwerk die ihm gebührende Wertschätzung entgegenzubringen. 

Das Bauhaus träumte vom „Neuen Menschen“, wir sind nach der Erfahrung mit den Diktaturen des 20. Jahrhunderts etwas zurückhaltender geworden. Welche Träume der Moderne halten Sie nach wie vor für so zeitgemäß, dass es auf den Versuch einer „Gestaltung von Gesellschaft” drauf ankäme?  

Eine der zentralen Fragen, die sich das Bauhaus stellte und die auch wir in Thüringen uns stellen, lautet: „Wie wollen wir leben?“. Das Bauhaus wollte die Gesellschaft verändern, einen modernen Typ Mensch und eine moderne Umwelt für diesen Menschen formen. Es war in seiner Ausrichtung vorwärts gewandt, wollte eine Zukunft erschaffen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ist es wichtig, an diese Ideen zu erinnern und ganz konkret die Frage zu stellen, was das Bauhaus uns auch heute noch lehrt. In Zeiten zunehmender Verstädterung (und damit einhergehend immer stärkerer Gentrifizierung) müssen wir uns die Frage nach dem Zusammenleben neu stellen. Auch Aspekte wie Nachhaltigkeit, vor allem im ökologischen Sinne, müssen in solche Überlegungen einfließen. Wir haben zum Beispiel mit der Internationalen Bauausstellung in Thüringen auch einen interessanten Anknüpfungspunkt für neue Impulse im Bauen.

Weimar, Haus am Horn – Foto: Tillmann Franzen (2018)
Weimar, Hauptgebäude der Bauhaus-Universität – Foto: Tillmann Franzen (2018)

Viele Bürger halten Politiker für einfallslos. Was halten Sie von einem „experimentellen Vorkurs“ à la Bauhaus für zukünftige Mandatsträger?

Das ist natürlich ein spannender Gedanke, wenngleich mir im ersten Moment selbst kein spontaner Einfall kommt, wie solch ein Vorkurs für Mandatsträger konzipiert sein sollte. Grundsätzlich ist es aber natürlich in allen Berufsfeldern wichtig, ein gewisses Maß an Kreativität und Ideenreichtum mitzubringen. Ein „Vorkurs“ allein scheint mir hier aber nicht zielführend. Vielmehr kommt es darauf an, dass das berufliche Umfeld eine Kreativkultur entwickelt und zulässt.

Beendet 2020 die Kooperation des Bauhaus Verbundes 2019? Was bleibt von 100 jahre bauhaus?

Das Thema Nachhaltigkeit wird uns in den Gremien in diesem Jahr sicherlich noch umtreiben. Was aber auf jeden Fall bleiben wird ist die Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar gGmbH als länder- und institutionsübergreifende Zusammenarbeit der drei sammlungsführenden Einrichtungen. Und was natürlich auch bleibt sind die beiden neuen Museen in Weimar und Dessau, zu denen sich nach dem Jubiläum auch der Neubau in Berlin gesellen wird. 

Headline

Herr Ramelow, vielen Dank für das Gespräch!

    [NF 2019]

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    Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com

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