Abschied in eine neue Ära

Frau Bärnreuther, die Veranstaltung, die sie kuratiert haben, heißt „Au Revoir“und ist Teil der Abschlusswochen „Open House“. Was verstehen Sie unter diesen beiden Titeln?

Vor der Schließung des Bauhaus-Archivs / Museum für Gestaltung und dem Beginn der Sanierungsarbeiten wollen wir noch einmal ein richtiges Bauhausfest feiern. „Au Revoir“ steht für dieses Fest. Es ist der letzte Veranstaltungstag der fünfwöchigen Abschlusswochen „Open House“. Diese beinhalteten unter anderem folgende Aspekte: eine Anspielung auf den von allen Einbauten befreiten Zustand des Gebäudes als Ausstellungsgegenstand, den (eintritts-)freien Zugang sowie die Öffnung des Bauhaus-Archivs gegenüber künstlerischen Formen der Auseinandersetzung mit dem geöffneten Raum sowie mit dem immateriellen Kulturerbe Bauhaus.

Diese Öffnung verbindet sich im partizipativen Klangkunstwerk der Künstler Bill Dietz und Janina Janke „Totale Architektur“, das die tragende Struktur für die gesamte Laufzeit der Abschlusswochen bildet, mit der aktiven und für das Kunstwerk konstitutiven Rolle der Besucher und Besucherinnen, die wir näher kennenlernen wollen. „Open House“ bedeutet aber auch die Öffnung gegenüber neuen Formen der Vermittlungsarbeit, wie sie mit Schulen im Bauhaus Agenten Programm (Tanzperformance, Lernraum) entwickelt werden, und nicht zuletzt auch die Öffnung im Sinne von Kooperation.

Die Bedeutung von "bauhaus now" ist für mich ganz klar mit Berlin verbunden. Ein starkes Magnetfeld für maximalen kreativen Einsatz mit minimalen Mitteln.

DJ Femalemacho

Wann werden wir das Bauhaus-Archiv wiedersehen – und was verabschieden wir am 29.4. für immer?

Das Bauhaus-Archiv als Ort wird nach derzeitigem Planungsstand nicht vor 2022 nach erfolgter Erweiterung und Sanierung wiedereröffnet werden. Dem Bauhaus-Archiv als Institution werden wir aber schon bald wieder begegnen: Im Haus Hardenberg ganz in der Nähe des Ernst-Reuter-Platzes eröffnet es mit dem bauhaus shop in den nächsten Monaten einen neuen Showroom im Herzen der City West. Anfang September 2019 eröffnet dann die Jubiläumsausstellung „original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie.

Auf dem Programm stehen Yoga, Breakdance und Poetry Slam: Was haben diese Disziplinen mit dem Bauhaus zu tun?

Tatsächlich geht es nicht um die Vermittlung kunsthistorischer Erkenntnisse zum Bauhaus, sondern darum, zeitgenössische künstlerische Ausdrucksformen in den Vordergrund treten zu lassen. Und auch – ein zentraler Bauhausgedanke – die Sensibilisierung von Körper- und Raumwahrnehmung. Das zehnstündige Programm von „Au Revoir“ startet dementsprechend mit Yoga-Unterricht, der auch für das Bauhaus überliefert ist. Durch das weitere Programm wird der Moderator Daniel Finger von der „Agentur für gute Worte“ führen. Am Nachmittag tritt der Mitbegründer der deutschen Spoken-Word-Szene Bas Böttcher in zwei Poetry Slam Performances zum Thema Bauhaus auf, und vor dem Abschiedsgrußwort der Direktorin Annemarie Jaeggi entlocken die „Saxonz“ in einer Breakdance Performance der Architektur neue Bewegungsimpulse.

Die Vielfalt von Zugangsmöglichkeiten umfasst selbstverständlich auch Architekturführungen in deutscher und englischer Sprache. Es wird aber noch mehr geboten an diesem Tag: eine experimentelle  Performance von Ulrike Brand (Cello), Tomomi Adachi (Elektronik) und Ingo Reulecke (Tanz), die den ersten Teil eines künstlerischen Forschungsprojektes zum Bauhaus-Jubiläum darstellt, und eine Konzertperformance von Studierenden der Hochschule für Musik Hanns Eisler mit zwei Uraufführungen von Werken der Komponistinnen Michaela Catranis und Cynthia von Knebel sowie mehrere kurze Tanzperformance-Darbietungen von Schülern und Schülerinnen unter der Regie der Tanzpädagogin Jo Parkes. Chefredakteur Nicolas Flessa überrascht uns mit ausgewählten Spotlights aus dem Magazin „bauhaus now“ zum Thema Architektur und Stadtplanung, unter Anwesenheit des türkischen Fotografen Can Dağarslanı. Last but not least schlagen Filme der Internationalen Avantgarde sowie das Johannes Metzger Quartet mit seinem Programm „Jazz Standards and beyond“ eine Brücke in die Vergangenheit bzw. aus der Vergangenheit in die Gegenwart.

Das Bauhaus ist tot, lang leben die Bauhäusler! Ihr Mut, ihre Phantasie, ihr Ehrgeiz und ihr Gespür für notwendige gesellschaftliche Entwicklungen sind Ansporn und Verpflichtung zugleich.

Nicolas Flessa, Chefredakteur "bauhaus now"

Worin lagen für Sie die besonderen Herausforderungen als Kuratorin dieser Abschlusswochen?

In vielerlei Hinsicht wurde das Kuratieren von „Open House“ zu einem Experiment, was ja wiederum ganz im Sinne des Bauhauses ist. Eine besondere Herausforderung lag für mich beispielsweise darin, dass mein Ausstellungsgegenstand ein leerer Raum war, der bislang als Rahmen bzw. Gehäuse für wissenschaftlich profilierte Ausstellungen gedient hat. Nun soll dieser mit künstlerischen Aktionen belebt werden. Die Abhängigkeit der Raumstimmung von den natürlichen Lichtverhältnissen bietet einen reizvollen Gegensatz zu dem vorher abgedunkelten, nur durch künstliches Licht erhellten Ausstellungsraum. Sie macht aber auch die Kontrolle der Lichtverhältnisse bei Veranstaltungen nicht leicht, will man nicht den Charakter des „Open House“ preisgeben.

Eine andere Herausforderung ergab sich dadurch, dass das Bauhaus-Archiv in der Regel von internationalen Touristen besucht wird, die die Erwartung mitbringen, die weltweit größte Bauhaus-Sammlung sehen zu wollen. Das heißt, es musste mit dieser Erwartungshaltung umgegangen werden. Zusätzlich wollen wir heute verstärkt die lokale Bevölkerung ansprechen bzw. gewinnen.

Für mich bedeutet Bauhaus vor allem Reduktion; für unsere Performance habe ich die Begriffe Funktion und Rotation auf Ihre Essenz reduziert.

Ulrike Brand, Cellistin und Performerin

Das Bauhaus-Archiv wird um- beziehungsweise ausgebaut – wird es in Zukunft mehr solcher interdisziplinären und künstlerischen Veranstaltungen wie das „Open House“ geben?

Das Programm „Open House“ kann in vielfacher Hinsicht als ein Präludium für kommende Veranstaltungen und Entwicklungen gesehen werden, die jetzt bereits stark diskutiert werden: Dazu gehören auch die Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen und die Entwicklung innovativer Vermittlungsformate im Bauhaus-Agenten-Programm, die Schüler und Schülerinnen auch als kulturelle Akteure begreifen und sichtbar machen. Volker Staabs Turm des Erweiterungsbaus macht die große Bedeutung der Vermittlung sinnfällig. Dabei verspricht auch das Zusammenspiel von neuem und altem Gebäude Synergieeffekte, die ein Fortschreiben dieser Ideen ermöglichen.

Was bedeutet für Sie ganz allgemein bauhaus now?

Bauhaus heute bedeutet für mich zum einen die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Künste sowie von Künsten und Wissenschaften. Aber auch die grundlegende Auseinandersetzung mit den Elementen, Materialien und Medien der Gestaltung. Das Künstleratelier als lab zu sehen, als  Zukunftswerkstatt. Alles scheint mittlerweile selbstverständlich zu sein, in Wirklichkeit besteht jedoch noch ein großer Entwicklungsbedarf, nicht zuletzt hinsichtlich Fördermöglichkeiten und entsprechender Infrastrukturen.

Bauhaus heute stellt sich für mich zum andern Fragen und Herausforderungen der Gestaltung in den plurikulturellen Gesellschaften der Gegenwart, zum Beispiel, wie die kulturelle Vielfalt und zugleich der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden können. Bauhaus heute untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem digitalen und dem analogen Raum und identifiziert Schnittstellen, die einerseits neue Möglichkeiten – der Information, Erfahrung, Partizipation – öffnen oder vielfältige neue Bedrohungen darstellen. Und schließlich bedeutet für mich Bauhaus heute auch neue Formen des Umgangs mit dem kulturellen Erbe, in denen das Bauhaus – als Zeugnis kulturellen Austauschs und eines globalen Beziehungsgeflechts – in der Gegenwart erneut zum Motor kulturellen Austauschs wird.

Ihr nennt es "bauhaus now" - ich nenne es tradierte Künste plus neue Techniken hochkant im Quadrat: anytime!

Bas Böttcher, Poetry Slammer, Schriftsteller

Welche Erwartungen haben Sie an das Jubiläumsjahr 2019?

Jubiläen erfüllen für mich dann ihren Sinn, wenn sie als Schrittmacher einer nachhaltigen Entwicklung begriffen und wirksam werden. Dafür stehen ganz besonders die drei Neubauten für die Bauhaus-Sammlungen in Berlin, Dessau und Weimar. In ihnen kommt ein neues Selbstverständnis der Bauhaus-Institutionen zum Tragen.  
Das Jubiläum 100 jahre bauhaus hat eine große Vielzahl von Akteuren auf den Plan gerufen, die sich mit dem historischen Bauhaus auseinandersetzen bzw. die danach fragen, wie aus dem historischen Bauhaus angesichts der Herausforderungen unserer Zeit neue Funken geschlagen werden können. Gerade weil kunsthistorische bzw. -wissenschaftliche Expertise und prospektives Denken nur selten zusammenfallen, sehe ich nun die einzigartige Chance, dass sich die Akteure gegenseitig anregen und dass ihr Austausch zu etwas Neuem – neuen Fragestellungen, Einsichten, Perspektiven, Formen der Auseinandersetzung sowie der Zusammenarbeit – führt. Allerdings ist dieser Austausch alles andere als selbstverständlich. Er muss gestaltet werden, wobei die wirksamsten Gestaltungsinstrumente Förderprogramme sind.

Eine andere Erwartung von mir betrifft Projekte, die, ausgehend von der Bauhaus-Frage „Wie wollen wir wohnen?“, die historische Erforschung von Bauten der Moderne mit der Diskussion und Entwicklung von Zunftsperspektiven verbinden. Dabei bietet sich die Chance, das einst in Deutschland in Ost und West geteilte Erbe der Moderne zu einem gemeinsam geteilten Erbe werden zu lassen. Und nicht zuletzt sehe ich Chancen, dass verkürzte und politisch instrumentalisierte Vorstellungen vom Bauhaus ihre Überzeugungskraft verlieren und den Weg freimachen für neue Vorstellungen vom Bauhaus im allgemeinen Bewusstsein. Dies könnte durch Projekte geschehen, die neue Fokussierungen vornehmen und dabei von großer Medienaufmerksamkeit begleitet werden: Projekte wie die Initiativprojekte 'Eröffnungsfestival' und 'bauhaus imaginista', die die performativen Künste bzw. das globale Beziehungsgeflecht des Bauhauses beleuchten und auch den transkulturellen Austausch fördern, oder Projekte, die sich mit den Möglichkeiten und Auswirkungen der Digitalisierung auseinandersetzen. Sie könnten Anstöße geben für die Auseinandersetzung mit Gestaltungsaufgaben plurikultureller Gesellschaften in einer globalisierten Welt – mit Fragen des Lebens, Überlebens und Zusammenlebens von Menschen.

[CG 2918]

"bauhaus now" ist das Gestalten aller Lebensbereiche in befreiten Räumen. Leben!

Patricia Thielemann, Gründering von Spirit Yoga
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