„Bauhaus bringt uns immer noch auf die richtige Spur”

bauhaus now #3 | Eröffnungsfestival

Stan Hema

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Bettina Wagner-Bergelt (München) ist künstlerische Leiterin des Eröffnungsfestivals zu 100 jahre bauhaus. Bis 2017 war sie Chefdramaturgin und stellvertretende Direktorin beim Bayerischen Staatsballett, kuratierte verschiedene Festivals und Ausstellungen.

Frau Wagner-Bergelt, nach welchen Kriterien wählt man die Mitwirkenden für ein Eröffnungsfestival von 100 jahre bauhaus aus?

Die unglaubliche künstlerische Potenz, die Ergebnisoffenheit des Lehrkonzepts, der Spaß am gemeinsamen Forschen und Experimentieren mit Material und Form, die internationale Öffnung der Schule, von der sich alle neue Impulse und die Eroberung neuer Horizonte erhofften, der gegenseitige Respekt und die Überzeugung, dass Kunst und Gestaltung die Welt zum Besseren verändern könnten, das war ein sehr gewagtes und radikales Konzept. Mich interessiert diese radikale Haltung zur Kunst als kommunikativem interaktivem Akt, zur Kunstproduktion, die in die Gesellschaft hineinwirken sollte, zu einem Zusammenleben, das durch Kunst und die Beschäftigung mit ihr menschlicher werden sollte. Die Fragen des Bauhauses – was ist ein Körper, wie definiert er sich, wie historisch determiniert ist er, wie agiert er auf der Bühne – sind auch für heutige Akteure selbstverständlich gültig.

Ich habe also Künstlerinnen und Künstler eingeladen, arrivierte und viele junge Newcomer, die sich Themen oder performativen Formen widmen, in denen ich grundlegende Fragestellungen und Positionen der Bauhauskünstler wiedererkenne; Arbeiten, die den Geist dieser Freiheit, des Experiments, des Gemeinsamen, der Offenheit und der Demokratie atmen und gleichzeitig diesen Formwillen zeigen. Mein Ziel ist es, dass das Festival eine intelligente aufregende Reise durch künstlerische Arbeitsweisen und Performances wird, dass ästhetische Prozesse sichtbar werden, spannende Ergebnisse zu sehen sind, aber auch Fragmente, Ansätze, Versuchsanordnungen akzeptiert werden. Dass man erlebt, dass die verschiedenen Techniken, die die Bauhäusler entwickelt haben, und ihre Herangehensweise nichts Antiquiertes ist, sondern uns immer noch und gerade in der momentanen politischen Situation auf die richtige Spur bringt.

Haben Sie ein paar Namen für uns, die dieses Wiedererkennen bei ihnen ausgelöst haben?

Ich denke, Bob Wilson hat in seiner grandiosen Theaterarbeit vieles davon verwirklicht, ohne sich meines Wissens explizit auf das Bauhaus bezogen zu haben. Oder nehmen Sie Richard Siegal, der in seinem Ballet of Difference programmatisch einen interkulturellen Ansatz in seiner Arbeit realisiert, für den die Arbeitsweise in der Gruppe, der nicht hierarchische Umgang miteinander, die Neugier und der Respekt die politische Utopie von gleichberechtigter choreographischer Forschung verwirklicht. Eine tiefe Humanität. Nehmen wir den Pianisten Michael Wollny. Der Jazz als musikalisches Genre, in dem die Bauhausband selbst wunderbar dilettiert hat, der aber auch geprägt ist durch das Prinzip der Improvisation, in der Erlerntes neu kombiniert wird. Je kreativer der Musiker ist, desto fantastischer sind die Kompositionen, die im Moment des Musizierens entstehen, allein oder noch angespornt durch die Impulse anderer Mitspieler.

Es gibt ja das Klischee des rationalen und tendenziell kühlen Bauhauses. Nun eröffnen Sie das Bauhausjahr mit einer Feier der Sinnlichkeit. Ist dieser Widerspruch Absicht?

Natürlich kann man angesichts der Architektur oder der Großen Treppe von Schlemmer zuerst an Kühle denken, aber es ging ihm um die Essenz des Menschlichen in der Form. Und es gab die Feste und Feiern, den Spaß am gemeinsamen Entdecken, Forschen. Schlemmer muss Humor gehabt haben, und Sinnlichkeit, wenn er in den wunderbaren, farbenprächtigen, ja, sinnlichen Kostümen des Triadischen Balletts aufgetreten ist. Die Beseelung der stilisierten allgemeingültigen Form durch den Menschen hat ihn doch umgetrieben.

Die Bauhausbühne bildete gewissermaßen das physische Zentrum des Dessauer Bauhauses. Welche Rolle kommt dem Ort Ihres Festivals, die Akademie der Künste am Hanseatenweg, als Raum zu?

Die Architektur der Akademie ist sehr wichtig. Ich liebe diesen Ort, denn er ist speziell, vielfältig und ermöglicht es, dass die Besucherinnen und Besucher von einer Halle zur nächsten, vom Hörspiel in die Installation, ins Konzert, von einem Raum zum nächsten und dann auf die Bühne oder in den Club schlendern. Sie ist ein intimer Raum. Am besten, man kommt jeden Tag und taucht ein in diesen Organismus.

Wie verbinden Sie Ihre Arbeit mit den anderen Gewerken, die am Bauhaus eine Rolle spielten, wie Architektur, Design oder Bildende Kunst?

Viele Künstler arbeiten heute mit allen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Wie es am Bauhaus auch passierte. Da gibt es keine Trennung mehr zwischen den künstlerischen Genres, auch nicht zwischen Kunst und Wissenschaft. Konkret: es gibt drei thematische Ausstellungshallen. In einer findet eine dreiteilige Installation statt, ein virtueller Teil, eine Audio-Produktion, eine Materialausstellung der quasi auf links gezogenen Figurinen von Oskar Schlemmer, denen man zum ersten Mal in ihr Innenleben hineinsehen kann. Es gibt eine Installations- und eine Spielhalle. Und darin auch Formate, an denen sich das Publikum beteiligen kann, Signalraum zum Beispiel. Hier arbeiten Musiker/Performer/Forscher mit „Unikaten“, selbst gebauten Instrumenten, mit denen sie neue performative Formen ausprobieren, in Interaktion mit dem Publikum. Oder die Blind Dates: Welche ästhetischen Erfahrungen machen wir eigentlich? Verändern sie unser Leben und wenn ja, wie? Die Antworten werden wieder zu Material für eine Performance.

Die Bauhausbühne war nicht nur Aufführungsort, sondern auch reguläre Werkstatt. Spielt diese Ambivalenz während des Eröffnungsfestivals eine Rolle?

Ganz, ganz wenig Bologna und viel Bauhaus! Mit all der Lust, dem Mut und dem Abenteuergeist und diesem ergebnisoffenen Denken. Zu lernen heißt ja sich zu fragen: Was kostet die Welt und wie bekommen wir sie richtig gut hin?

Welche Bühne braucht die Bildung?

Ganz, ganz wenig Bologna und viel Bauhaus! Mit all der Lust, dem Mut und dem Abenteuergeist und diesem ergebnisoffenen Denken. Zu lernen heißt ja, sich zu fragen: Was kostet die Welt und wie bekommen wir sie richtig gut hin? 

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