„Die Schaffung von Kunst als Kollaboration.“

Potsdamer Tanztage

Jérôme Delatour
„Parades and changes, replay in expansions“

Anne Collod und „Parades and changes, replay in expansions“:

Das Bauhaus hat nicht nur Architektur und Design radikal verändert, es hat auch den Tanz revolutioniert und neue choreografische und performative Formate hervorgebracht. Mitte der 1960er-Jahre gab die Choreografin Anna Halprin in Kalifornien mit ihrer Arbeit „Parades and changes“ eines der radikalsten künstlerischen Statements  des 20. Jahrhunderts ab – inspiriert vom Bauhaus. Halprin ließ ihr Ensemble Alltagsbewegungen vollziehen und änderte sie situationsbezogen durch einfache Anweisungen. Dadurch öffnete sie ein weites Experimentierfeld für den amerikanischen postmodernen Tanz. Die französische Tänzerin und Choregraphin Anne Collod liefert jetzt erstmals seit den 1960er-Jahren eine Neuinterpretation des Stückes und stellt es in Potsdam vor.

Pauline Magdeleinat
Anne Collod

Anne, Sie präsentieren „Parades and changes“ als „Replay in expansion“. Während Ihrer gesamten Arbeit an dem Projekt haben Sie mit Anna Halprin und Morton Subotnick kommuniziert, die die Performance bereits 1965 konzipiert und inszeniert haben. Wie haben Sie Ihre eigene Kreativität mit der von Halprin und Subotnick in Einklang gebracht?

Der Prozess des Reenactings, der Neuinterpretation, war ziemlich lang, und ich habe wirklich versucht, eine gute Distanz zwischen dem Originalwerk und der Übersetzung zu finden, die ich für heute vorschlagen wollte. Anna war so großzügig, mich in ihrem Archiv arbeiten zu lassen, und ich sprach mit ihr und Morton über ihre Absichten und ihre Erinnerungen. Ich reaktivierte die Erinnerungen von Anna, um das Wesen und die Dynamik ihrer Arbeit zu verstehen, anstatt nur die Formen zu verstehen, die in der Zeit eingefroren war.

Inwiefern hat das Bauhaus Ihre Interpretation geprägt? Sie haben zum Beispiel vier Zirkuskünstler zum Teil des Ensembles gemacht.

Ich arbeite gerne mit der dritten Dimension, mit dem gesamten Theaterraum, nicht nur mit der Bühne, sondern auch mit der Decke, den Wänden, dem Auditorium. Die Zirkuskünstler erfüllen Aufgaben, sie sind mit sehr körperlichen Aktivitäten konfrontiert, und das ist auch eine Verbindung zu Annas und Mortons sehr körperlicher Arbeit. Anna sagte, dass das Bauhaus einen enormen Einfluss auf sie und ihre Kunst hatte. Es ist wirklich schwierig, alle Prinzipien zusammenzufassen, die das Bauhaus entwickelt hat. Was ich in meiner Schöpfung noch spüren kann, aber natürlich inspiriert von Annas Arbeit, ist eigentlich die Idee des kollaborativen Prozesses. Die Schaffung von Kunst als Zusammenarbeit und der damit verbundene transdisziplinäre Aspekt. Ich möchte der Bewegung ebenso viel Bedeutung beimessen wie der Architektur, dem Licht, dem Klang, der Beziehung zum Publikum. Es ist Teil dessen, was geschieht, und auch Teil des Prozesses, des Hier und Jetzt.

Sind Sie neugierig, wie die Menschen in Potsdam auf die Performance reagieren werden?

Es ist sehr schwer vorherzusagen, was passieren wird. Mitte der sechziger Jahre war „Parades“ in den USA wegen der Nacktheit, die Teil der Performance ist, ein ziemlicher Skandal. Der Kontext hat sich natürlich komplett verändert, die Performer, die Idee der Kunst, die Umgebung, alles ist anders. Aber die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment schafft immer noch starke Emotionen und verbindet das Publikum und die Performance. Eine Sache, die Anna gesagt hat, ist sehr wichtig und steht im Zusammenhang mit dem Bauhaus: Die bessere Kunst ist diejenige, die durch eine Vielfalt von Menschen, die zur Zusammenarbeit bereit sind, entsteht, ohne dass sie auf ihre Identität verzichten. Mich begeistert die Idee, den Menschen die Möglichkeit und den Raum zu geben, sich selbst emotional ins Stück zu projizieren, als wären sie Teil unserer Bewegungen.

„Parades and changes, replay in expansions“
Jérôme Delatour
„Parades and changes, replay in expansions“

Hat „Parades and changes“ Ihre Sicht auf das Bauhaus verändert?

Die Performance ist eine Abfolge von Einflüssen und Ideen. Einige der Theorien des Bauhauses sind für mich sehr konkret. Wie das Experimentieren und der kollektive Prozess, das Konzept des Handwerks, die Verbundenheit von Kunst und Design mit dem alltäglichen Leben und auch den sozialen Belangen. Anna brachte diese Prinzipien in den Bereich des Tanzes und eröffnete eine neue Ära. Sie erweiterte diese Prinzipien die Bedeutung von Natur und Umwelt, ihren Humors und ihre Rebellion, ihre Besorgnis über soziale Gerechtigkeit. Das brachte sie dazu, mit diskriminierten Menschen zu arbeiten. Unsere Vorstellung von Kunst hat eine politische Dimension.

Lia Rodrigues und „Formas Breves“:

Die brasilianische Choreographin hat 2004 mit „Formas Breves“ eine Schlemmer-Hommage geschaffen. In den 1970er Jahren war Rodrigues Teil des Contemporary Dance Movement in São Paulo, später gründete sie die Lia Rodrigues Companhia de Danças in Rio de Janeiro und leitete das größte Tanzfestival Rio de Janeiros, das Festival Panorama. Seit 2005 entwickelt sie in Zusammenarbeit mit Redes de Desenvolvimento da Maré künstlerisch-pädagogische Aktivitäten in den Slums von Maré.  In Potsdam zeigt Lia Rodrigues ihre Arbeit „Formas Breves“.

Lia Rodriguez
Lia Rodriguez

Lia, „Formas Breves“ lässt Oskar Schlemmer und Italo Calvino fiktiv interagieren. Was verbindet den Mitbegründer des Bauhauses und einen der größten italienischen Schriftsteller?

„Formas Breves“ entstand auf Einladung von Culturgest/Lissabon, um Oskar Schlemmer zu ehren. Damals, im Jahr 2002, wussten ich und das Team noch sehr wenig über diesen Designer, Komponisten und bildenden Künstler, der auch für Tanz und Performance so wichtig ist. Also tauchten wir in Schlemmer ein, fanden Gemeinsamkeiten und Affinitäten und natürlich bildeten sich auch Fragen, die uns bewegten. Unsere Idee war es, Schlemmer auf den Schlemmer in uns allen treffen zu lassen. 2003 erhielt ich dann die Einladung, ein Stück aus Calvinos Buch „Six Propositions for the Next Millennium“ zu kreieren. Es ist ein Buch, das auf einer Reihe von Vorträgen über Themen basiert, die Calvino für das kommende Jahrtausend für wichtig hielt: Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Sichtbarkeit, Vielfalt, Konsistenz. Zusammen mit meinen Tänzern habe ich beschlossen, eine Verbindung zwischen Calvino und Schlemmer herzustellen. Schlemmer und Calvino haben die Diskussion über den Menschen und seine Zukunft und die Untersuchung der Strukturen hinter der künstlerischen Arbeit gemeinsam. Schlemmer beschäftigte sich mit dem Verhältnis des Körpers zu Geometrie und Raum, Calvino mit der Struktur des Textes.

Wie hat Schlemmer Ihre Vorstellung von einem Körper in Bewegung beeinflusst?

Wir haben alles auf das Wesentliche reduziert, die Bewegungen, das Bühnenbild und das Licht. Und wir haben an der Idee gearbeitet, Form und Funktion zu verbinden. Wir wurden von einem Satz von Schlemmer inspiriert: „Es ist ganz einfach: so wenig Vorurteile wie möglich zu haben, sich Objekten zu nähern, als wäre die Welt gerade erst erschaffen worden, die Dinge sich entwickeln lassen, natürlich mit Bedacht, aber frei. Sei einfach, nicht arm.“

Definieren Sie sich als Choreographin oder darstellende Künstlerin? Schlemmer selbst hat die Grenze zwischen beiden immer wieder überschritten.

Ich betrachte mich als Künstlerin.

Glauben Sie, dass das Bauhaus noch immer eine Relevanz für die internationale Tanzszene hat?

Ich finde es, ehrlich gesagt, interessanter, zu sehen, wie wir heute mit einigen der Ideen des Bauhauses in Dialog treten können. Zum Beispiel: Wie wir die Welt auf neue Weise betrachten und betrachten können, wie wir in Krisenzeiten Lösungen finden können, die Integration von Künsten, wie wir das tägliche Leben der Menschen durch Kunst und Design verbessern könnena, aber auch die Zugänglichkeit von Kunst und die Reflexionen über die Rolle der Kunst im sozialen Kontext. Aber wir können auch aus dem Beitrag des Bauhauses zur Kunstpädagogik lernen.

Formas Breves
Sammi Landweer
Formas Breves

Abschluss

Vielen Dank für die Gespräche!

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