„Hellerau ist das Vorwort zum Bauhaus“

Rekonstruktion der Zukunft

Foto: Adam Dreesen
Die Appia-Bühne mit einer Inszenierung von Avatâra Ayuso / Foto: Adam Dreesen

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Mit dem Großen Saal im Festspielhaus Hellerau entstand 1911 der Idealraum für das Theater des 20. Jahrhunderts. „Rekonstruktion der Zukunft – ein Projekt über Raum, Licht, Bewegung und Utopie“ interpretiert auf vielfältige Art und Weise die Bühne von Adolphe Appia sowie den schattenfreien Lichtraum von Alexander von Salzmann und die Ansätze des Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze. Héctor Solari, der selbst Architektur und Kunst in Uruguay und Italien studierte und seit vielen Jahren weltweit als Videokünstler für Tanzperfomances arbeitet, spricht im Interview über Hellerau als Ort der Utopie, die Ideen der Lebensreformer und die Vordenker des Bauhauses.

Herr Solari, Sie arbeiten seit gut zehn Jahren als Videokünstler für das Festspielhaus Hellerau. Welche Möglichkeiten sehen Sie an diesem Haus für das moderne Theater und den modernen Tanz?

Ich war von Anfang an begeistert von dem Programm in Hellerau. Spätestens als William Forsythe dann seine Company hier aufbaute, wurde dieser Ort für mich wirklich zum Paradies. Was mir ebenfalls von Anfang an gefallen hat, ist die Offenheit: das Experimentelle und die Lust am Risiko. Das, was wir hier jetzt mit der Appia-Bühne auch austarieren wollen, ist, wie zeitgenössisch und visionär das Gebäude und die Ideen tatsächlich sind. Wenn ich in den großen Saal komme, bin ich jedenfalls immer wieder überwältigt davon, wie phantastisch und mannigfaltig dieser Raum eigentlich ist.

Mit den Entwürfen des Reformarchitekten Heinrich Tessenows schrieben sich die Ansätze des Bühnenbildners Adolphe Appia und des Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze in das Gebäude ein. Welche Rolle spielen die ursprünglichen Lebensreformgedanken der Gründerväter in den heutigen Inszenierungen des Hauses?

Die Sache ist ja die: Tessenow, Appia und Dalcroze waren komplett auf einer Wellenlänge. Man entschied beispielsweise gemeinsam, dass der Raum keine Pfeiler bekommt. Die Idee gehörte einfach allen. Für die Künstler ist es immer noch so: Alle, die hier auftreten, sagen, dass dies die perfekte Bühne für zeitgenössischen Tanz und zeitgenössisches Theater ist. Und das nach 100 Jahren.

Historische Skizze der Appia-Bühne / Foto: Skizzen Appia Theatersammlung Bern
Foto: Skizzen Appia Theatersammlung Bern
Historische Skizze der Appia-Bühne / Foto: Skizzen Appia Theatersammlung Bern

Die programmatische Ausrichtung des Ortes war bei seiner Gründung im Jahr 1911 das Zusammenwirken zwischen Leben, Arbeit und Kunst – ähnlich dem ganzheitlichen Ansatz der Bauhäusler. Wie gestaltet sich der Alltag in Hellerau?

Seit dem Augenblick, wo die Appartements für Künstler aufgestellt wurden und sie ihre Werke wochenlang vor Ort aufbauen konnten, entstand hier ein Leben und eine Nähe zu den ursprünglichen Ideen. Das schätzen die Künstler sehr, eigentlich möchte keiner außerhalb wohnen. Mir geht es auch so: Immer wenn ich aus der Stadt nach Hellerau komme, habe ich das Gefühl an einen utopischen Ort zu gelangen, an dem alles möglich ist. Das überträgt sich auch auf die Künstler, die hier residieren.

Jetzt haben Sie das umfangreiche Projekt „Rekonstruktion der Zukunft“ am Festspielhaus Hellerau kuratiert, das unter anderem im Rahmen von „100 jahre bauhaus“ gefördert wurde – in welcher Beziehung stehen die einzelnen Beiträge des Projektes zum Bauhaus?

Wir sehen das Programm als Vorwort zum Bauhaus. In diesem Sinne war es für uns wichtig zu überlegen, welche Künstler, die mit den Ideen von Appia und Salzmann groß geworden und von ihnen beeinflusst worden sind, eingeladen werden. Sozusagen die Kinder von Appia. Robert Wilson bezieht sich beispielsweise direkt auf Appias Lichtkonzepte, die er dann weiterentwickelt hat, und auch William Forsythe kann man ohne Appia nicht wirklich denken. Diese Kinder sind mittlerweile sehr groß geworden und eigenständige Künstler, sie stehen aber in direkter Beziehung zu Appia. Die neue Generation von Choreographen aus der freien Szene oder England setzt sich ganz neu mit Appia auseinander. Wir haben diese Mittzwanziger gefragt, was Sie mit der Appia-Bühne machen wollen.

Der Kurator des Projekts „Rekonstruktion der Zukunft“ Héctor Solari / Foto: Adam Dreesen
Foto: Adam Dreesen
Der Kurator des Projekts „Rekonstruktion der Zukunft“ Héctor Solari / Foto: Adam Dreesen

Wie sah diese konkrete Auseinandersetzung der jungen Choreographen, wie etwa Avatâra Ayuso, Cindy Hammer oder Anna Till, mit Appia aus?

Die Appia-Bühne ist in viele Modulelemente unterteilt, die man in unendlichen Varianten kombinieren kann. Wir haben Modelle dieser Module in Größe von Legosteinen gebaut und den Künstlern den Auftrag „Bau dir deine Appia-Bühne“ gegeben. Im Sommer haben wir dann die Original-Bühne aufgebaut und angefangen zu proben. Andere Künstler, wie etwa die Musiker Lukas Ligeti und Simon Stockhausen, haben sich musikalisch mit dem Raum auseinandergesetzt.

Bei anderen Beiträgen, etwa dem von Constanza Macras, denkt man eher an bunte Kuscheltiere, die von der Decke fallen, als an Appias Formensprache.

Ja, sie macht eine verrückte Geschichte zum Monte Verità, einer Künstlerkolonie Anfang des 20. Jahrhunderts im Tessin. Damit schlägt sie die Brücke zwischen Hellerau, dem Monte Verità und der Reformbewegung. Der rote Faden bei meiner kuratorischen Arbeit war, nicht immer einen auf den ersten Blick zu erkennenden Bezug zu Appia und Salzmann herzustellen, sondern vielmehr zu fragen, wieviel Türen sie geöffnet haben. Und Constanza Macras passt wirklich gut zu diesem Ansatz.

Die Keynote zur Eröffnung wird von Daniel Libeskind gehalten. Inwiefern steht einer der einflussreichsten Architekten der Gegenwart Pate für das Projekt?

Ich war immer schon von Libeskinds Architektur begeistert und wusste, dass er auch schon mit Bühnenbildern und als Städtebauer gearbeitet hat. Von ihm stammt der Ausspruch „Ein Raum muss immer auch ein Ausdrucksraum sein“. Als ich mich vor ein paar Jahren ein bisschen intensiver mit seinen Ideen beschäftigt habe, stieß ich auf seinen Gedanken, dass man aus der Vergangenheit die Zukunft konstruieren muss. Während meiner Arbeit als Kurator für „Die Rekonstruktion der Zukunft“ erinnerte ich mich plötzlich an dieses Zitat und fand, dass es genau das trifft, was wir hier machen. Ich habe ihm also das Konzept geschickt und ihn gefragt, ob er die Keynote halten möchte. Er hat sofort zugesagt.

Das Festspielhaus Hellerau im Jahr 2013 / Foto: Stephan Floß, 2013
Foto: Stephan Floß, 2013
Das Festspielhaus Hellerau im Jahr 2013 / Foto: Stephan Floß, 2013

Welche Programmhinweise würden Sie empfehlen, welche Beiträge gefallen Ihnen besonders?

Als Kurator werde ich Ihnen jetzt natürlich keine einzelnen Künstler nennen, ich stehe ich hinter dem kompletten Programm. Aber ich habe mir bei der Zusammenstellung gedacht, dass es schön wäre, wenn man sowohl etwas für die Zuschauer anbieten kann, die sich schon mehr mit Appia beschäftigt haben, als auch für diejenigen, die noch gar nicht mit seiner Bühne in Berührung gekommen sind. Mir war es außerdem wichtig, auch ein wissenschaftliches Rahmenprogramm anzubieten, dass teilweise ganz eng an konkrete Choreographien geknüpft ist. Wir zeigen also viele Facetten – nicht nur des Raumes sondern auch der Möglichkeiten – die heute der zeitgenössische Tanz hat.
 

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Vielen Dank für das Gespräch.

 

[CG 2017]

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