Kunst im Zeitalter der Bewegung

Interview mit Jan Bartoszek, Künstlerischere Leiterin und Gründerin Hedwig Dances

IIT Institute of Design, Chicago
Jan Bartoszek, künstlerische Leiterin und Gründerin von Hedwig Dance

Was bedeutet „Totalität“ für Sie im Sinne Ihrer Bühnenarbeit?

Totalität bedeutet, dass alle Komponenten – der Raum, in dem wir uns bewegen, das Setting, die Beleuchtung, die Bewegung, die Musik/der Sound, die Kostüme, Projektionen – die Richtung der geschaffenen Kunst beeinflussen und im Gegenzug auch von ihr beeinflusst werden. Die einzelnen Komponenten stehen nicht mehr für sich alleine, sondern vereinen sich in einer Gesamtheit zu einem neuen organischen Ganzen. Natürlich ist es eine Sache, das so zu beschreiben, und eine ganz andere, das auch zu erreichen. Die Aufgabe besteht darin, sich die Zeit zu nehmen, das Werk für sich selbst und mit den Leuten, mit denen man zusammenarbeitet, zu ergründen, herauszufordern und zu klären. Und gleichzeitig in der Lage zu sein, sowohl an der großen Idee als auch am Detail zu arbeiten.

Wie gestaltet man Körpersprache?

Als Choreograph gestalte ich Körpersprache, indem ich, wie abstrakt auch immer,  bei einer Idee oder einer Reihe ineinander verwobener Konzepte ansetze, die die beiden Sprachen von Rede und Bewegung brauchbar werden lassen. Der nächste Schritt ist, dass ich diese Ideen mit meinen Tänzerinnen und Tänzern teile. Die Tänzerinnen und Tänzern und ich überdenken und erweitern die ursprünglichen Konzepte durch Bewegung und entwickeln dabei Fragmente oder Phrasen. Diese Fragmente wachsen, spielen sich gegenseitig aus, und entwickeln sich zu komplexen Stücken, die die ursprüngliche Idee wiedergeben und größer machen, häufig auf eine anfangs ungeahnte Weise. Ich arbeite in diesem Prozess häufig mit Kostümen und Objekten, um mehrschichtige visuelle Erfahrungen zu schaffen. Ganz am Schluss wird die Körpersprache, sobald sie vollendet ist, mit dem Publikum geteilt. Wenn es ein Erfolg ist, findet das Werk bei den Zuschauerinnen und Zuschauern Widerhall. Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin bringt seine bzw. ihre individuelle Erfahrung in den Prozess ein. Diese individuellen Ansichten erweitern die Bedeutung und die persönliche Interpretation des ganzen Werks. 

„Die Geschichte des Theaters ist die Geschichte des Gestaltwandels des Menschen: der Mensch als Darsteller körperlicher und seelischer Geschehnisse im Wechsel von Naivität und Reflexion, von Natürlichkeit und Künstlichkeit.“

Oskar Schlemmer

Haben Sie ein Bauhaus-Lieblingszitat?

Oh ja, es gibt zwei Zitate von Oskar Schlemmer: „Die Geschichte des Theaters ist die Geschichte des Gestaltwandels des Menschen: der Mensch als Darsteller körperlicher und seelischer Geschehnisse im Wechsel von Naivität und Reflexion, von Natürlichkeit und Künstlichkeit.“ Ich hoffe, durch meine Arbeit ein transzendentes Gefühl hervorrufen zu können. Das zweite Zitat lautet: „Diese Künste – Architektur, Plastik, Malerei – sind unbeweglich. [...] Es könnte, zumal im Zeitalter der Bewegung, als Manko erscheinen, was höchster Vorzug dieser Künste ist. [...] Die Bühne als Stätte zeitlichen Geschehens bietet hingegen die Bewegung von Form und Farbe; zunächst in ihrer primären Gestalt als bewegliche, farbige oder unfarbige, lineare, flächige oder plastische Einzelformen, desgleichen veränderlicher beweglicher Raum und verwandelbare architektonische Gebilde.“ Dieses Zitat liebe ich sehr, weil plastische Objekte und Kostüme für mich seit jeher Forschungsraum sind. Und natürlich ist Bewegung etwas Temporäres. Sie verschwindet nach ihrer Ausführung. Sie findet nur in diesem einen Moment in Echtzeit statt, mit echten Menschen, die sich in Bewegung setzen.

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Eine multidisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Hedwig Dances, dem IIT Institute of Design (dem ehemaligen „New Bauhaus“) und dem Bauhaus Dessau

Was lässt Sie an die Zukunft der Bauhaus-Idee glauben?

Die in räumlichen Konzepten und Geometrien verwurzelten Bauhaus-Ideen sind so grundlegend, dass ihnen unendliche Möglichkeiten offenstehen.

Gibt es einen heutigen Oskar Schlemmer?

Hmmm... Rebecca Horns Werk der 1970er Jahre scheint wie eine Weiterentwicklung von Schlemmers Werk. Sie performte live, machte jedoch auch einige überzeugende Filme mit ihren Kostümen. Horns Kostüme sind geometrisch, sehr kompliziert gearbeitet – einfach, und doch wunderschöne und ausdrucksvolle Erweiterungen des Körpers. Ich denke, dass auch einige Kostümarbeiten von Nick Cave den Einfluss Schlemmers wiedergeben. Viele von Caves Kostümen nutzen Farben und vermitteln Körperformen in einer Art Reminiszenz an Schlemmer. Obwohl sie sich stark von Schlemmer unterscheiden, nutzen beide Künstler den Körper als Ausgangspunkt für eine Transformation.

Körper an der Front: Kann Performance als Vermittler zwischen sich widersprechenden Bewegungen dienen?

In diesem jüngsten Werk ergründe ich den Raum, insbesondere die Idee von Begrenzung und Freiheit, wie auch Parallelen zwischen der Weimarer Ära und unserer jetzigen Zeit. Der Tanz untersucht gegensätzliche Bewegungen, in denen die Kraft der einen Bewegung zur Energiequelle einer anderen, reaktiven/gegensätzlichen Kraft wird. Ist Performance eine Vermittlerin? Ja, insofern Performance anspruchsvolle Ideen sichtbar macht, die offen diskutiert werden können. Ebenso ja, insofern sich Künstlerinnen und Künstler im Prozess einer multidisziplinären Entwicklung mit gegensätzlichen Bewegungen auseinandersetzen, um komplexe Metaphern zu schaffen. Diese nonverbalen Metaphern sind in unserer Zeit, in der so viele Freiheiten angefochten werden, umso relevanter.

Vielen Dank, Jan.


Hier ein Trailer zu „Futura“:

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Hedwig Dances | FUTURA | November 1, 2 and 3, 2018 at 7:30 p.m. at the Dance Center, Columbia College Chicago

Und hier ein Making Of „Futura Fractals: Exploring Bauhaus Design + Dance“:

Und hier ein Making Of „Futura Fractals: Exploring Bauhaus Design + Dance“:

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    [NF 2018, Übersetzung Textbüro Reul GmbH]

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