Das Zusammentreffen der Idee mit dem Schöpferischen

Ausstellung zu den Druckgrafiken des Bauhauses

Staatsgalerie Stuttgart
Oskar Schlemmer, Tänzerin, 1922/23, 61,5 x 43,5 cm, Lithographie, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Geschenk 1966 Tut Schlemmer

Abschnitt 1

Als das große Eröffnungsfestival im Januar 2019 der Gründung des Bauhauses gedachte, durfte ein epochales Werk natürlich nicht fehlen: das „Triadische Ballett“, aufgeführt mit 1977 erstellten Rekonstruktionen der originalen Kostüme, die sich bis heute im Besitz der Staatsgalerie befinden. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass diese Ikone der modernen Bühne gar nicht am Bauhaus entstand, sondern in der württembergischen Hauptstadt – wo es Oskar Schlemmer gemeinsam mit dem Tänzerpaar Elsa Hötzel und Albert Burger ab 1912 entwickelt und in zwei Etappen 1916 und 1922 zur Aufführung gebracht hatte.

Schlemmers Begeisterung für den Tanz, die ihn ab 1923 zum Leiter der Bauhausbühne machen sollte, entstand in seiner Zeit als Meisterschüler Adolf Hölzels, der seit 1905 an der Königlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart lehrte. Hölzls Begeisterung für „Maler der jüngsten Richtung“ machte ihn bald zu einem Mentor der Jugend. Zum damals nicht unumstrittenen Hölzel-Kreis zählten neben Schlemmer auch andere herausragende Figuren der Moderne und spätere Bauhäusler wie Ida Kerkovius, Ludwig Hirschfeld-Mack und Johannes Itten.

Abschnitt 2

Dieser „Stuttgarter Prolog“ zum Bauhaus bildet denn auch den Auftakt jener Ausstellung, die am 20. März ihre Pforten öffnet. Ihr Titel, „Drucksache Bauhaus“, hat durchaus das Potenzial, Fans der legendären Bauhausbücher in die Irre zu führen: Denn um Buchdruck oder Typographie geht es der Kuratorin der „Drucksache“ explizit nicht: „In unserer Ausstellung konzentrieren wir uns bewusst auf die Ursprünge des Drucks am Bauhaus“, so Dr. Corinna Höper, „Das betrifft die künstlerische Grafik, die am Weimarer Bauhaus entstanden ist, also vor 1925.“ 

Kern der Schau sind vier originale Bauhaus-Mappen, die von 1921 bis 1924 publiziert wurden und die Werke von insgesamt 45 Künstler*innen umfassen. Für Höper ein wichtiger Epilog zum gerade vergangenen Jubiläumsjahr, versinnbildlicht die beim Umzug des Bauhauses nach Dessau aufgelöste Druckwerkstatt doch am deutlichsten dessen ursprüngliche Grundidee: „Die Verbindung von Kunst und Handwerk, kurz: das Zusammentreffen der Idee mit dem Schöpferischen.“ Um dieses Prinzip nicht nur intellektuell nachzuvollziehen, können die Besucher*innen im Rahmen einer Druckwerkstatt selbst in die Rolle der Künstler schlüpfen. 

Ob es dabei wieder zu grundlegenden künstlerischen Impulsen aus dem Süden der Republik kommt, werden wir sehen. Sie haben es gewissermaßen selbst in der Hand.

Staatsgalerie Stuttgart
Wassily Kandinsky, Komposition (Blatt 8 in: Bauhaus-Drucke. Neue europaeische Graphik, 4te Mappe: Italienische und russische Künstler), 1922 (1923), Farblithographie, 36,1 x 34 cm, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, Vermächtnis 1970 Annemarie Grohmann

Abschnitt 3

Extra-Tipp: Parallel zur „Drucksache Bauhaus“ widmet sich eine eigene Schau im Grafik-Kabinett der Staatsgalerie dem malerischen Werk von Ida Kerkovius. „Die ganze Welt ist Farbe“ ist eine Feier der emotionalen, farbenprächtigen Bildsprache der „Kerko“, die zweifellos zu den größten Talenten der Stuttgarter Akademie gehörten.

    [NF 2020]

    Zum Seitenanfang