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Stimmen aus Kultur und Politik zu 100 jahre bauhaus

Rafael Horzon
Horzon auf Breuer – oder: so shoppt die Moderne

Aart van Bezooijen

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Professor für Material- und Technologievermittlung

Das Bauhaus-Jubiläumsjahr gab mir ein besseres und detaillierteres Verständnis für die Profile der Bauhausmeister und den gesellschaftlichen Kontext der Bauhaus-Zeit. Durch die Diskussionen auf Konferenzen, durch das Sehen von unbekannten Prototypen in Museen und durch die Durchführung eines praktischen Workshops im Bauhaus Museum Weimar konnte ich Bauhaus viel mehr erleben, als nur darüber zu lesen.

Obwohl für seine historischen Objekte und Artefakte neue Museen gebaut wurden, waren die Haltung (ways of thinking) und die Methoden (ways of making) seiner Studenten und Mitarbeiter der aufregendste Teil dieser Tage. Die unterschiedlichen Köpfe und Fähigkeiten, die an der Bauhausschule versammelt waren, haben eine enorme Vielfalt für alle Beteiligten geschaffen. Wie damals dreht sich auch heute in der Bildung alles um die Menschen.

Ich freue mich, diese Vielfalt an Menschen und Projekten in meiner Arbeit als Berater und Pädagoge weiterhin zu genießen. Die Rolle und Bedeutung von Materialien in meiner Arbeit besteht nicht nur darin, immaterielle Ideen in greifbare Gegenstände zu verwandeln. Wir nutzen Materialität auch für die Schaffung einer gemeinsamen Sprache, indem wir verschiedene Disziplinen zusammenbringen, um neue Entwicklungen und Möglichkeiten für eine bessere Welt zu diskutieren.

Aus dieser (idealistischen) Perspektive scheinen wir den Denk- und Gestaltungsweisen am Bauhaus näher zu sein, als ich bisher gedacht habe. Die beeindruckenden globalen Auswirkungen einer relativ kleinen und kurzlebigen Schule in Deutschland gab den Studierenden von heute während des vergangenen Jahres gute Hoffnung, die Veränderer von morgen zu werden.

Katrin Budde (SPD)

Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien

Das Bauhaus steht für kühne, rationale und funktionale Architektur. Es steht für modernes Wohnen. Es entstanden zahlreiche Projekte des sozialen Wohnungsbaus, die es einer breiten Bevölkerung ermöglichte, preiswert, funktional aber auch angemessen zu wohnen. Heute noch haben die Bauhausbauten Vorbildfunktion, gelten immer noch als modere Architektur. Ich habe einige Bauten selbst gesehen und bin immer wieder beeindruckt.

Bei den Veranstaltungen von 100 jahre bauhaus möchte ich besonders die Ausstellung in Erfurt hervorheben, die sich die Bauhaus-Frauen zum Thema genommen hat. Als das Bauhaus gegründet wurde, gab es mehr weibliche Bewerberinnen als männliche Bewerber. Es sollte gleiche Pflichten und gleiche Rechte für alle, unabhängig des Geschlechts, geben. Walter Gropius fürchtete aber bald um das Ansehen seiner Schule, wenn dort zu viele Frauen wären. Auch ging die Angst um – genau wie heute – dass Frauen den Männern den Job wegnehmen könnten. Doch was die Frauen in der Weberei, in die sie eingeteilt wurden, geleistet haben, führte zu einem Entwicklungsschub und zu unzähligen Neuerungen. 

Auch wenn die Frauen im Bauhaus nicht so bekannt sind wie ihre damaligen männlichen Kollegen, so haben sie einen sehr großen Anteil an dem weltweiten Erfolg des Bauhauses. Deshalb freut es mich, dass ihre Arbeit besonders im Jubiläumsjahr gewürdigt wurde. 100 Jahre Bauhaus ist zwar eine lange Zeit, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Idee des Bauhauses auch noch in 100 Jahren erfolgreich sein wird.

Zitat Ganguly

Stan Hema

Magdalena Droste

Emeritierte Professorin für Kunstgeschichte an der BTU Cottbus-Senftenberg

Selbst die Experten und Bauhausprofis hat das Jubiläumsjahr wie eine Welle überrollt. Zuviel! Nicht noch mehr! Aufhören! Es gab eine fast unüberschaubare Fülle von Publikationen, Ausstellungen, Events und Tagungen in Deutschland. Das Interesse und Engagement selbst in kleinen Orten war überwältigend. Das Fazit: Das Bauhaus ist ein Teil unserer historischen Identität. 

Auch die internationale Resonanz war groß. Jetzt stehen bei mir zwei bis drei Meter Bücher neu im Regal und wollen studiert und gelesen werden. Eine neue Unübersichtlichkeit: Es gibt keine kanonischen Deutungen mehr. Als wichtige neue Themen sehe ich Länder, Kulturen und Generationen übergreifende Transferprozesse und die Künstlerinnen des Bauhauses. Mit den Publikationen zu Hannes Meyer wurden politische Akzente gesetzt.

Silke Feldhoff

Koordinatorin des Programms Bauhaus Agenten

Das Bauhaus-Jubiläumsjahr war für mich so besonders, weil es als Kulminationspunkt der Anstrengungen der Bauhaus Agenten ihre komplexe Arbeit so konkret anschaulich machte: In den beiden neuen Bauhaus-Museen in Weimar und Dessau und in der Berliner Jubiläumsausstellung „original bauhaus“ in der Berlinischen Galerie. Es ist einfach beglückend zu erleben, wie die verschiedenen Vermittlungsangebote der Bauhaus Agenten, die sämtlich auf Anregungen und auf der Mitarbeit von Schüler*innen basieren, jeden Besuch der Bauhaus-Museen spannender, lebendiger, emotionaler, kurz: reicher machen – und das längst nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern für alle Besucher*innen der Ausstellungen. 

Gleichzeitig ist deutlich geworden, wie wichtig das gute Miteinander von Kurator*innen, Vermittler*innen und Gestalter*innen dafür ist, Besucher*innen ein nachhaltig wirkendes Ausstellungserlebnis zu bieten. Wir arbeiten nun daran, mit den großartigen Erfahrungen und dem reichen Feedback des vergangenen Jahres im Rücken die Ergebnisse, Methoden und Erfahrungen aus dem Bauhaus Agenten Programm in eine nachhaltige digitale Plattform zu überführen – für neue Ideen in der Vermittlung und in der Museumsgestaltung. 

Zitat Droste

Stan Hema

Redaktion der form

Fachzeitschrift für Design, gegründet 1957 u.a. von Wilhelm Wagenfeld

Das Bauhausjubiläum schien in erster Linie eine günstige Gelegenheit für Hersteller*innen zu sein, um das allgegenwärtige Label als Marketingtool für neue (oder alte) Produkte zu verwenden. Bahnbrechende Erkenntnisse blieben dagegen aus. Aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive sollte allerdings nicht unterschätzt werden, in welchem Maß das Jubiläum dazu beigetragen hat, das Wissen um die Kunstschule aus den Köpfen der Expert*innen in die Gesellschaft zu tragen und so ein allgemeines Bewusstsein für die Bedeutung des Bauhauses wie des Designs allgemein als Kulturgut zu schaffen.

Rafael Horzon

Unternehmer, Autor und Möbeldesigner

Für das Bauhaus-Jubiläumsjahr hatte ich mir vorgenommen, zum Einkaufen ausschliesslich in die Gropius-Passagen und in die Bauhaus-Filiale in Gropiusstadt zu gehen. Ich bin froh, dass das Jahr nun endlich vorüber ist. Endlich kann ich alle Einkäufe wieder online von meinem sehr bequemen Korbgeflecht-Stahlrohrsessel von Marcel Breuer aus erledigen.

Zitat Bezoijen

Stan Hema

Armin Ganguly-Hiebert

Architekt und Mitglied des Royal Institute of British Architects, London

Das ursprüngliche Bauhaus, das wir 2019 feierten, war „mehr oder weniger“ ein patriarchalischer Ort. Dennoch war es auch ein erster Versuch, ein Ort für die Gleichstellung der Geschlechter zu sein. 1919 besuchten noch mehr Frauen als Männer die Schule, aber nur eine Handvoll von ihnen schaffte es, auch Lehrer am Bauhaus zu werden.

Die Veranstaltungen auf der ganzen Welt haben gezeigt, dass die Bauhausideen nicht zu Ende gegangen sind und bis heute globale Wirkung haben. Die Lernkultur der Schule förderte das Experimentieren auf allen Ebenen. Die Hundertjahrfeier des Bauhauses hat uns daran erinnert, dass Regeln und Konventionen gelernt, aber auch gebrochen werden müssen, wo dies erforderlich ist.

Wie die Bauhäusler leben auch wir weltweit in herausfordernden Zeiten mit wachsendem Rechtsnationalismus. Darüber hinaus sind wir mit einer Klimakrise konfrontiert, die sich noch schneller als erwartet verschärft. Vielleicht brauchen wir wieder eine Revolution und eine neue Art von „Bauhaus-Geist“, in dem alle Disziplinen zusammenkommen, um nicht nur unsere Gebäude der Zukunft zu schaffen, sondern auch neue Lebensweisen zu finden, die sicherstellen, dass wir überleben und weiter gedeihen können auf diesem kleinen Planeten.

Bodo Ramelow (Die Linke)

Ministerpräsident des Landes Thüringen und Vorsitzender des Bauhaus Verbunds 2019 im Jubiläumsjahr

Das Bauhaus-Jubiläum wirkt in seiner Vielfalt nach! In Thüringen können wir voller Stolz sagen: Es war ein voller Erfolg und bleibt von großer internationaler Bedeutung für den Freistaat. Auf den Spuren des Bauhauses konnten die Interessierten sich auf kulturelle und politische Entdeckungsreisen begeben. Unsere Tourismusgesellschaft verkündete einen Rekord bei den Besucher- und Übernachtungszahlen, und das Bauhaus-Museum in Weimar zählte binnen kürzester Zeit über 200.000 Besucherinnen und Besucher. 

Mit dem Bauhaus-Jubiläum ist es uns gelungen, die vielfältige Wirkungsgeschichte der modernen Kunstschule einer breiten Öffentlichkeit erlebbar zu machen. Dazu gehörte auch, das Bauhaus kritisch in einen historischen Gesamtkontext zu stellen. Die Geschichte des Bauhauses ist letztlich auch eine Geschichte politischer Repressalien, die schließlich in Vertreibung und Schließung der Schule mündeten. Dies sollte uns bis heute Mahnung sein.

    [NF 2020]

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