In jedem Schiebefenster ein Stück Zukunftsstaat?

Modernekritik und Dystopien auf den 4. Weimarer Kontroversen

© bpk/Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer/Willy Römer
Haus am Horn, Weimar, mit Alma Buscher und László Moholy-Nagy, 1923

Absatz 1

Wer glaubte, die Weimarer Kontroversen würden sich am Ende des großen Bauhausjahres dem allgemeinen Jubel über die „einflussreichste Kunst- und Designschule des 20. Jahrhunderts – vielleicht aller Zeiten“ (wie u.a. im Royal Academy Magazine) anschließen, wurde gleich am Eröffnungsabend eines Besseren belehrt. Nicht nur der Titel der einleitenden Key Note, „Utopie und Enttäuschung: 100 Jahre Bauhaus“, markierte bereits zum Auftakt die kritische Haltung des Symposiums gegenüber den Versprechen – und Ergebnissen – des Bauhauses. Ulrike Lorenz, Direktorin der Klassik Stiftung Weimar, hielt in ihrem Grußwort dementsprechend fest: „Der Utopiebegriff ist so wenig welthaltig,“ dass sie es vorziehe, mit Michel Foucault jenen Heterotypien nachzuspüren, die sich gleichsam als reale Gegenwelten und ganz unabhängig von den Visionen der Moderne in unserem postmodernen Mainstream angesiedelt haben.

Gegenwärtig scheint, wie der Soziologe Zygmunt Baumann unlängst in Retrotopia (2017) ausführte, jede Zukunft, auch die des Bauhauses, vergangen.

Oliver Sukrow, Weimarer Kontroversen

Bild 1

© Nicolas Flessa
Bild 1: Am Abend des ersten Kontroversen-Tags fand die Eröffmung des ersten Teils der Installation „Zenica Trilogie“ von Danica Dakić (Bauhaus-Universität Weimar) im Obergeschoss des Bauhaus Museums Weimar statt.

Absatz 2

Dass sich die bereits zum vierten Mal stattfindende Veranstaltungsreihe der Klassik Stiftung Weimar in Kooperation mit dem Bauhaus-Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung der Bauhaus-Universität Weimar dieses Jahr dennoch dem Thema „Erwartungshorizonte und Zukunftsvorstellungen in 100 Jahre Bauhaus“ widmete, sollte sich als geschickter Schachzug ihrer beiden Kuratoren, Oliver Sukrow aus Wien und Ulrike Bestgen aus Weimar, erweisen. Denn was wäre faszinierender als der Anspruch auf eine bessere Zukunft, den das Bauhaus neben seinen gestalterischen Ambitionen vielleicht wirklich so gut wie keine andere Kunsthochschule repräsentiert hat – und der Kontrast jener längst vergangenen Visionen mit der Wirklichkeit ihrer Nachwelt und Folgen?

Die Zeitgenossen versuchten immer wieder, das Bauhaus wegen seiner kunstgewerblichen Ausrichtung als ‚weiblich‘ zu diffamieren.

Anja Baumhoff, Hochschule Hannover

Bild 2

© Nicolas Flessa
Bild 2: Die Dialog fand bei den Weimarer Kontroversen wie gewohnt nicht nur auf dem Podium statt: Das Publikum im Gespräch mit Gabriele Zipf (Futurum Berlin) und Aart van Bezooijen (Kunsthochschule Burg Giebichenstein). Wie vermittelt man die Lebenswelten der Zukunft?

Absatz 3

Das zweigeteilte Symposium, das sich wie auch in den vergangenen Jahren wieder dezidiert an eine breite Öffentlichkeit richtete, lieferte dennoch reichlich Expertise als Grundlage für anschließende Diskussionen: Von utopischen „Zeitvorstellungen“ bis hin zu „utopischen Räumen“ erstreckte sich der thematische Rahmen des ersten Veranstaltungstages. Seine Referentinnen und Referenten widmeten sich dabei nicht nur der Klärung der zeitgeschichtlichen Einbettung des Bauhauses zwischen „Antizipation der Zukunft in der Weimarer Republik“ (Rüdiger Graf) und der „Futura fascista“ (Fernando Esposito), sondern auch Einzelfragen, die von zeitlosen Themen wie „Farbe in der Avantgarde-Architektur der 1920er Jahre“ (Deborah Barnstone) bis hin zu aktuellen Perspektiven wie Geschlechterkonzeptionen (Anja Baumhoff) und Environmental Design (Joaquin Medina Warmburg) reichten.

Das Problem mit der Klimakrise löst sich weder durch Lob an der Bewegung noch durch Stinkefinger, die wir auf unseren Demos gezeigt bekommen. Davon hören Wälder nicht auf zu brennen, Meeresspiegel nicht auf zu steigen.

Lina Kornmüller, Fridays For Future

Bild 3

© Nicolas Flessa
Bild 3: Nur ein kleiner Teil des Teams, das die Weimarer Kontroversen in diesem Jahr auf den Weg gebracht hat (v.l.n.r.): Nicolas Flessa (Berlin, Moderation Tag 2), Kai-Uwe Hemken (Kassel, Panel 2), Franziska Stöhr (München, Panel 2), Ulrike Bestgen (Weimar, Co-Kuration/Moderation Tag 1), Max Welch Guerra (Weimar, Moderation Tag 1) und Eckhart Gillen (Berlin, Panel 2)

Absatz 4

Der zweite Teil der Veranstaltung war ganz dem Dialog vorbehalten. In vier Panels widmeten sich Gäste aus der Schweiz und ganz Deutschland Themen, die weit über die historische Moderne hinausreichen – von „Utopien auf der Bühne“ (u.a. mit einem Beitrag von Andreas Schwab zum Monte Verità) und den „Potenzialen utopischer Kunst“ (Speaker siehe Bild 3) über die Vermittlung von „Arbeits- und Lebenswelten der Zukunft“ (Bild 2) bis hin zu „Zukunftshorizonten im Anthropozän“. Vor allem dem letzten Teil mit der Key Note von Franz Mauelshagen und dem Auftritt der „Fridays For Future“-Aktivistin Lina Kornmüller (Universität Erfurt) war es zu verdanken, dass auch die 4. Weimarer Kontroversen ihr selbstgestecktes Ziel in vorbildhafter Weise erreichten: den kritischen Diskurs über die Vergangenheit in einen Anstoss zur Reflektion unserer gegenwärtigen Widersprüche zu verwandeln. Früher war sogar die Zukunft besser? Vielleicht. Eines aber ist sicher: Ihre Gestaltung war noch nie so wichtig wie heute.

    [NF 2019]

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