„Kunst ist nie ein gutes Beruhigungsmittel“

bauhaus now #3 | Interview Hortensia Völckers

Stan Hema

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Hortensia Völckers (Halle) ist seit 2002 künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Zuvor arbeitete sie in leitender Funktion für die documenta X in Kassel und die Wiener Festwochen.

Was weckt Ihre Neugier?


Mich machen Künstler neugierig. Die Art, wie sie die Dinge wahrnehmen, die Räume, die Horizonte und Systeme, in denen sie arbeiten oder die sie sich für ihre Arbeit schaffen. Aber hier hat sich etwas verändert. Je stärker man sich auf die globale Welt, eine global vernetzte Welt, einlässt, desto mehr schwindet die Gewissheit, sich einen verlässlichen Überblick verschaffen zu können über das, was man früher vielleicht State of the Art genannt hätte. Alles ist sehr viel komplexer geworden, fluider. Umso größer empfinde ich die Verantwortung bei unseren Förderentscheidungen, auf der anderen Seite steigen aber auch die Gestaltungsmöglichkeiten der Stiftung. Mir ist es wichtig, dass Kulturinstitutionen mit unserer Hilfe ausprobieren können, wie man in Zukunft Dinge vielleicht ganz anders und damit noch attraktiver für ein sich wandelndes Publikum gestalten kann. Mich interessieren unkonventionelle Lösungsansätze. Und bei jedem unserer Programme bin ich neugierig darauf, ob unsere Förderung tatsächlich als ein Verstärker funktioniert, ob wir mit ihnen bundesweit etwas bewirken, neue Themen anstoßen können.

Welche Entwicklungen beobachten Sie im gegenwärtigen Kulturbetrieb, die Sie – unabhängig von 100 jahre bauhaus – mit dem Bauhaus in Verbindung bringen würden?

Da denke ich zuerst an die Digitalisierung. Sie verändert unsere gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend. Auch die Kultur. Das Bauhaus war rückblickend gesehen ein Meilenstein in Kunst und Architektur. Entstehung und Entwicklung des Designs zum Beispiel lassen sich ohne das Bauhaus nicht denken. Noch vor einem Jahrzehnt hätten wir vielleicht gesagt, das Bauhaus sei revolutionär gewesen. Mit dieser Vokabel muss man angesichts der Dimension der Digitalisierung heute vorsichtiger sein. Die Möglichkeiten von Virtual Reality und die massenhafte Nutzung von Social Media haben die Struktur der Öffentlichkeit so radikal verändert, dass wir uns kaum noch vorstellen können, wie man gelebt und produziert hat, als es das noch nicht gab. Auch was in Kunst und Kultur passiert, ist in der digitalen Öffentlichkeit viel präsenter. Eine der Folgen ist ein neues Spannungsfeld zwischen Kultur und Politik. Die Kultur hat in letzter Zeit eine enorme Politisierung erfahren, wird metapolitisch aufgeladen. Kultur wird zum Austragungsort und manchmal sogar Schlachtfeld politischer Debatten. Das ist besorgniserregend.

Sind Kunst und Kultur ein möglicher Weg, der neuen Spaltung der Gesellschaft entgegenzutreten?

Kunst ist nie ein gutes Beruhigungsmittel. Wir sehen ja gerade, dass unterschiedliche Auffassungen von Kunst und Kultur sogar zur Spaltung der Gesellschaft beitragen. Umso wichtiger finde ich, dass wir Programme machen, die ganz bewusst versuchen, einen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft zu leisten. Zum Beispiel unser Programm für Stadtbibliotheken, die wir zu sogenannten dritten Orten, zu kulturellen Begegnungsorten für die gesamte, sehr vielfältig gewordene Stadtgesellschaft machen wollen. Ähnliches gilt für unser Programm zum kulturellen Wandel in ländlichen Regionen. Oder das Programm 360°, den Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft, in dem wir die Erfahrungen und Kompetenzen von Menschen mit Migrationshintergrund in die Institutionen einfließen lassen wollen. Der lauten, populistischen, polarisierenden Art lässt sich kulturpolitisch nur schwer etwas entgegensetzen, wenn man den Riss nicht vergrößern will.

Stan Hema

Wie ist es zu den im Rahmen von 100 jahre bauhaus geförderten Projekten gekommen?

Wir haben von Anfang an gesagt: Es gibt nicht mehr Geld für Ausstellung als für Bildung. Das ist mir wirklich ein Anliegen. In vielen Köpfen herrscht noch immer die Vorstellung, die eine Fraktion sei intellektuell und in der Szene verankert, und die andere müht sich halt irgendwie mit Kindern ab. Das wird so auf Dauer nicht weitergehen. Die Selbstverständlichkeit, zu experimentieren, was man unter Vermittlung versteht, ist eine notwendige Voraussetzung für die Zukunft unserer Kultur. Das muss auf eine kreative Art eine gewisse Priorität in der Kulturförderung bekommen.

Wie können Ihre punktuellen Bemühungen in diesem Umfeld zu strukturellen Veränderungen führen?

Schule zu verändern ist eine der größten Herausforderungen überhaupt. Hier widersprechen sich einfach zu viele Interessen, von denen der Politik über die der Lehrer bis zu denen von Eltern und Schülern, die sich immer mehr einbringen. Dazu kommt, dass sich gewohnte Standards verschieben werden oder bereits verschoben haben, etwa beim Thema Nutzung von digitalen Medien im Unterricht. Oder bei der Frage, wie viel und welche interkulturelle Kompetenz jeder junge Mensch gleich welcher Herkunft in einer von kultureller Vielfalt geprägten Gesellschaft braucht. Vielleicht ist die heute wichtiger als richtige Kommasetzung.

Unsere Ausgabe berührt ja besonders die Themen Pädagogik und Performance. Welche Projekte aus dem Fonds Bauhaus heute reizen Sie diesbezüglich besonders?

In der Floating University Berlin geht es ziemlich unakademisch um transdisziplinäres Lernen und Vermitteln sowie um performative Interventionen. Oder der Beitrag von Richard Siegal, der auch Teil des Bauhaus-Eröffnungsfestivals sein wird: Er beschäftigt sich – wie eine Arbeit von Nico and the Navigators für die Meisterhäuser in Dessau – mit dem Thema Bauhaus und Virtual Reality. Wir berücksichtigen natürlich auch das Thema digitale Medien, etwa in der Ausstellung „Der Amateur. Vom Bauhaus zu Instagram“ am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Sie sind in Buenos Aires geboren, das zutiefst von der Architektur der Moderne geprägt wurde.

Was ist Bauhaus für Sie?

In erster Linie nicht die zweifellos schönen Häuser oder die formvollendeten Stühle. Faszinierend, und das bis in die Gegenwart hinein, ist das Phänomen der besonderen Konstellation, wenn Künstler die eigenständige Arbeit und Karriere für eine gewisse Zeit hintanstellen, um gemeinsam etwas Neues zu schaffen. Solche Entscheidungen führen im Idealfall zu echten Experimenten und Laboren der Zukunft. Diesen Umbruch, diesen völlig freien Zugang zur Kunst, hat es in der Folge des Bauhauses auch noch mal am Black Mountain College gegeben, das ich im Übrigen für nicht minder spannend halte.

Hortensia Völckers im Interview

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