Schule in einen Möglichkeitsraum verwandeln

100 jahre bauhaus im westen
Plakat zur Auftaktveranstaltung „Woraus wird Morgen gemacht sein? Ein inter- und transdisziplinäres Bildungsprojekt im Bauhausjahr 2019“

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Anlässlich des Auftakts des Projekts „Woraus wird Morgen gemacht sein? Ein inter- und transdisziplinäres Bildungsprojekt im Bauhausjahr 2019“ haben wir uns mit seinen Initiatoren, Dr. Jasmin Grande vom Institut „Moderne im Rheinland“ und Dr. Angela Weber vom Institut für Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf über das Bauhaus und sein revolutionäres Potenzial  für die Pädagogik der Zukunft unterhalten.

Wie revolutioniert man Bildung?

Da würden wir spontan sagen: mit 100 jahre bauhaus! Wir arbeiten in Nordrhein-Westfalen gemeinsam vom An-Institut „Moderne im Rheinland“ und dem Germanistischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus am Bauhausjahr 2019 und haben die Frage, wie wir Bildung wieder als demokratische Handlungsermächtigung stärken können, ins Zentrum gesetzt. Unsere Kernelemente sind dabei die Engführung von analoger, d.h. auch haptisch-praktischer Erfahrungs- und digitaler Ebene. Es geht uns darum, unser Spartendenken aufzubrechen: Das Digitale findet nicht ohne die analoge Welt statt, wir können Handlungsfähigkeit nicht allein mit Social Media herstellen und wir können nicht im Materiellen verbleiben, wenn wir im 21. Jahrhundert leben. Wir müssen uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen, wir müssen modern oder auch zeitgenössisch sein.

Das wäre die zweite Antwort auf die Frage nach der Revolution von Bildung: Modernität, im Sinne von Zeitgemäßheit. Wie leben wir jetzt, wie wollen wir morgen leben und welche Handlungsmöglichkeiten sehen wir? Hierzu stellt das ‚Bauhaus‘ einen Mikrokosmos dar, von dem aus wir viel lernen und verstehen können: Warum ist es gelungen, 1919 dieses spannende Konzept auf den Weg zu bringen? Wer ist wann und wo Teil dieser Bewegung? Wie verändern sich unsere Lesarten von ‚Bauhaus‘, wenn wir den Fokus verschieben, z.B. auf die Frauen am Bauhaus oder auf die politischen Bewegungen oder eben auf die Bildungsideen? Ein ganz bedeutender Ansatz unseres Projektes ist dabei, das konstruktive, das utopische Potential von ‚Bauhaus‘ ins Zentrum zu setzen. Dazu gehört das Bewusstsein, dass wir mit dem Begriff der Zwischenkriegszeit das Potential der Zeit nivellieren und damit unser eigenes Handlungsfeld beschneiden. Mit diesen Ansätzen haben die Avantgarden vor hundert Jahren für Wirbel gesorgt, und diese Perspektiven sind bis heute revolutionär. Daran knüpft sich natürlich die Frage, warum das so ist und was wir mit dieser Erkenntnis machen.

Wir zielen mit unserem institutionen- und generationenübergreifenden Modellprojekt darauf, die Frage nach zeitgemäßer Bildung von der Universität in die Schulen zu tragen. Die Studierenden fungieren als Botschafter einer lebendigen Wissenschaft; inspiriert durch unsere interdisziplinäre und spartenübergreifende Auseinandersetzung mit dem Bauhaus in NRW entwickeln wir mit den Studierenden Konzepte für den Unterricht. Die Studierenden setzen diese um, dabei geht es darum, die Schule in einen Möglichkeitsraum zu verwandeln. Die Idee von Bildung als Bilden und Gestalten nehmen wir wörtlich. Gemeinsam mit den Studierenden und Lehrer*innen wollen wir eine Atmosphäre schaffen, die die Schüler*innen ermutigt, über ihren Frust mit und ihre Lust an der Schule zu sprechen. Verschiedene Kunstformen/Tätigkeitsformen entstehen aus dem Transfer zwischen früher und heute und ermöglichen den Schüler*innen sich auszudrücken, eine eigene Sprache zu finden, teilzuhaben und im besten Fall, das streben wir unbedingt an, sichtbar zu werden.

Das, was dort entstehen wird, wollen wir in einem weiteren Schritt in die Öffentlichkeit tragen und dort diskutieren. Die Studierenden wiederum sind diejenigen, die diesen Prozess moderieren und gestalten. Mit allen Akteuren und mit den Stadtakteuren werden wir ein Zukunftscamp veranstalten. Die Stimmen der Schüler*innen bilden den offenen Rahmen und haben Appellfunktion.

Welche pädagogischen Ideen des Bauhauses sind heute noch so aktuell wie damals – und wo leben sie fort?

Die Anlehnung an die mittelalterliche Bauhütte, die sich in der Benennung ‚Bauhaus‘ spiegelt, ist ein ganz wichtiger Impuls zum Nachdenken über die Frage, wie wir Bildung auf Augenhöhe ansiedeln. Hier kommt die Idee, dass erst im Zusammenwirken der verschiedenen Professionen und auch Perspektiven ein Gesamt entstehen kann, ebenso zum Tragen wie ein Denken in Transferinhalten. Feiningers „Kathedrale des Sozialismus“ macht ja deutlich, dass das gemeinsame Ziel nicht in einer ästhetisch anspruchsvollen Architektur in der Landschaft besteht, sondern in einem Denkbild, das es wiederum von den Handelnden zu füllen gilt.

Das Bauhaus existierte exakt so lange wie die erste deutsche Republik, die nächstes Jahr ebenfalls 100 Jahre ihrer Gründung feiert. Ist das Bauhaus deshalb eine „Basis für Demokratie“, wie Sie es nennen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erstmal eine Zielebene unseres Projektes kennzeichnen, die sich u.a. daraus ergibt, dass wir in Nordrhein-Westfalen vor einer Hürde im Umgang mit dem Bauhaus stehen: Es hatte hier keinen Ort! Weder Weimar noch Dessau noch Berlin gehören zu Nordrhein-Westfalen. Im Gegenteil, die hiesigen Rheinländer und Westfalen markieren ja  gerne eine konstruktive Distanz zum Preußischen. Daraus entsteht von vornherein die Notwendigkeit, sich sehr bewusst zu machen, von welchem Bauhaus wir sprechen, wenn wir vom Bauhaus im Westen sprechen.

Für unsere Lesart von Bauhaus bedeutet das, dass wir natürlich den Blick auf die einschlägigen Orte richten und dann die Frage stellen: Wie gehen wir damit um? Und mit dem Fokus auf Bildung haben wir uns entschieden, das Bauhausjahr als Begegnungsmoment zu verstehen, mit dem wir über unser Verhältnis zum Gegenstand Bauhaus und dem darin wohnenden Potential arbeiten. Oder anders: Wir fragen, was können wir mit dem Bauhausjahr für die Zukunft verändern? Und an dieser Stelle wird die Formel von der „Basis für Demokratie“ relevant. Anschließend an die Verhältnissetzungen, die eine Vielzahl an Philosoph*innen der letzten 50 Jahre gegenüber den Lesarten der Avantgarde gefordert haben, aktuell vor allem Jaques Rancière, möchten wir mit unserem Projekt die etablierten Lesarten aufbrechen. Allem voran der Bedeutungsverlust, den die Künste immer erfahren, wenn sie in Kontakt mit Politik und Wirtschaft gebracht haben. Dazu arbeiten wir in einer institutionellen Überschreitung zwischen Universitäten, Schulen und Museumsvereinen hier in NRW mit einer Aktualisierung von Ideen und Impulsen aus dem Bauhaus in eine ästhetische Praxis und bringen diese wieder in die Öffentlichkeit zurück.

Die verschiedenen Ziel- und Handlungsebenen unseres Projektes fließen schließlich zusammen im Begriff der ästhetischen Praxis, wie Rancière diesen versteht: als das Unterlaufen der Grenze von Theorie und Praxis, von Produktion und Rezeption – Rancière hat den Begriff des emanzipierten Zuschauers geprägt – sowie der Grenze zwischen Individuum und Gemeinschaft. All diese Zonen greifen in der ästhetischen Praxis ineinander und schaffen so neue Wahrnehmungs- und Artikulationsräume. Wir müssen die Handlungsebenen wieder engführen! Dazu gehört auch, dass wir an der Überschreitung der Grenzen in den Köpfen arbeiten. Wir haben aufgehört zu streiten, auch für etwas zu streiten, weil wir in geschlossenen Zirkeln bleiben. Das Recht, sich zu versammeln – Arendt/Butler haben das aktuell aufgenommen.

Braucht es heute noch Bauhausmeister?

Ja! Oder anders: Bauhausmeister*innen (ganz bewusst mit dem Genderstern und seinem Potential an piktoraler Textüberschreitung). Als wir uns in Vorbereitung auf unser Projekt die Frage stellten „Woraus wird Morgen gemacht sein?“ und uns damit an Victor Hugo ebenso anlehnten wie an Jaques Derrida und Elisabeth Roudinesco, war klar, dass die Textur des Morgens ein Gemeinschaftsprojekt ist. Das Konzept der Bauhausmeister*innen steht für eine Vorstellung von Gemeinschaft, in der Erkenntnis nicht aufgrund äußerer Merkmale, sondern gelernter und erfahrener Lebens- und Arbeitspraxis weitergegeben wird. Diesen generationen-, sparten- und auch genderüberschreitenden Ansatz brauchen wir für die Gegenwart unbedingt.

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[NF 2018]

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